Samstag, 31. Dezember 2016

Nachtprotokoll: Salzburg an einem Ende



Murphys Law. Shelter from the storm. The storm has yet to come. Zuflucht vor Kälte, Giftqualm und der jammervollen, qualvollen Zahnpastatubenmusik. Der Mainstream beherrscht die Unkunst, mittels Coverns die Essenz eines Originals auszupressen und uns dessen leere Schale übrig zu lassen. Ein junger Mann singt als verliehen ihm Jingle Bells einen leisen Dauerorgasmus. Ein weniger Junger Mann glaubt, den Sound of Silence plärren zu müssen. Zeichen des kulturellen Niedergangs. Der Pop verliert das Einzige, das ihn ausmacht: Die kunstvolle Oberflächlichkeit.

Im Angesicht des langsamen Unterganges, ist das Pub ein Alternative-Rock-Bunker. Und das Schwarze passt mir immer. Ist auch gut für die Magengegend. Die Spanierinnen und ein Spanier bestellen Rotwein. Manche Tourist*innen legen sich also ihre eigenen Fallen. Dabei ist auf die Iren verlaß, in jeder Stadt Europas.

Ich spiele den Touristen nur. "Ich bin hier aufgewachsen, du Arschloch!", erklärte ich dem zerzausten Irren, der extra sein Haus verlassen hatte, um mich beim Fotografieren von Gebirge und Gewalde zu stören. Wie störte ich ihn? Er stand in der selben Scholle wie ich. Wir hüpften beide in Gatsch. Beide sind wir ohne Besitz auf dieser Erde.

Ich kenne den Bauern, kennt er auch mich nicht. Seine Viecher dünsten aus, was mir genauso Heimatduft ist wie die warme Waschraumluft im Keller auf dem Weg zur Bierkiste. Fehlender Schnee von den Bergen. Die selben blöden Gesichter gutbürgerlicher Spaziergänger und seltener Spaziergängerinnen, die mir das selbe vertraute Schuldgefühl anrüchig machen wie früher. Als würde die Polizei vorüberfahren. Bin immer schon Tourist gewesen in der eigenen Heimat. Vielleicht auch als Kind, aber da war's mir egal. Da nahm ich keine Rücksicht auf die Hexenjäger.

Ich kenne sie alle. Die Irren und die Gutbürgerlichen tragen stets und jeweils die selben Gewänder, hinter denen sie ihre immer gleichen Gesichter zu verbergen suchen. Sie wissen nicht, wie gut ich zu ihnen und hierher passe. Ich bin eine Schnittmenge aus beiden, Blended, keine anerkannte Zuchtrasse. Dennoch bin ich einer von ihnen. Der Irre merkt es bald und zieht sich zurück. Die Gutbürgerlichen brauchen etwas länger. Ein wenig fad ist mir aber schon im Angesicht der Gleichförmigkeit, dieser nützlichen Illusion, die irgendwann zur Wahrheit wird.

Die ewig gleichen Berge hingegen sättigen mich unendlich. Dieses kräftige Licht auf den weißen Terrassen, das grüne Widerleuchten wird nicht zuviel. Was ist der Mensch, der ich bin, wenn die Lichtfänger fehlen. Sie gedeihen auch ohne Zutun, wo man sie zulässt. Lassen statt Tun. Dort atmet die unendliche Sehnsucht in ihrer unbemerkten Erfüllung, in aller Einsamkeit.

Räumliche und andere Distanzen zu dem Menschen, den ich Tochter nennen darf. Kein Plan hierfür. Kein Plan für Silvester. Letzteres macht vielleicht dem Irren Sorge. Ersteres erträgt statt mir die Geduld, meine gutbürgerliche Untermieterin später Tage. Trägt noch mehr an den Köpfen der Hydra. Verwandtschaft kann man sich eben nicht aussuchen. Aber die Geduld wohnt auf einem starken Rücken. Der ist schief und schmal. Mein Herz hat jedoch seine Schwächen. Es ist gesund.

Ich kaufe die vernüftigen Schuhe in einer unvernünftigen Farbe. Manchmal muss man Kompromisse eingehen, wenigstens dann, wenn es eigentlich keine sind. Eigentlichkeiten sind ein Segen. Und wo ist eigentlich mein Schlüssel.

Verbrauche festes Schuhwerk auf den Fährten, trage meine Flicken in das neue Jahr. Die Nähte halten noch. Reissen an den Rissen.

Hier im Pub spielen sie die Playliste alter Freunde und alter Zeiten ab, vergessene Lieder vergessener Nächte. Das ist doch ein guter Ort. Irgendwann lernt man, mit dem zufrieden zu sein, dem es an Schlechtem fehlt. Irgendwann lernt man auch, zufrieden mit seiner Unzufriedenheit zu sein. Meine Vorbilder sind mir nahe geblieben, von Raum und Zeit noch unberührt. Von der Realität noch unbeeindruckt. Aber alles ändert sich. Es ist eine große Welt, die sich schnell füllt. Es dauert, bis die Grenzen erreicht sind und lautlos kommt die Flut. Aber wenn sie branded, wird es ordentlich krachen.

Der Sturm muss noch kommen. Das nächste Guinness ist schon da. Die Segel sind gehisst. Schwerer Anker, über viele Jahre geschmiedet. Ich habe Angst, meine Angst zu verlieren. Meine Freiheit harrt bedrohlich irgendwo da draußen in der Dunkelheit.

Nur das Denken kennt Gnade. Mein Gefühl ist ein Barbar. Der fühlt nur das barbarische Mitleid, wenn der Zorn es befreit. Es ist ihm egal, was die Esoterikerinnen und Scientologen davon halten, wenn sie ihm ihr "Mitgefühl" vorschreiben wollen als Ersatz und Besserung. Selbst und allein müsse man leiden, fühlen aber nicht ohne die Vorgabe der Anderen? So modern ist der Katholizismus wieder. Und die Menschenwelt will sich teilen, in den guten Glauben und in den schlechten Glauben, begründet Anhand von Begleiterscheinungen und als wäre beides nicht nur ein Glauben. Über Wissen wagen diese geteilten Gläubigen nicht mehr zu streiten. Das Wissen liegt auf der Straße, so verliert es an Börsenwert.

Ich habe Angst vor der Egalität. Nackte Menschen sind fragil. Eigenverantwortung ist ein Geschenk. Sie sehen es als Bürde, Beleidigung, Sünde. Wer ihnen die Verantwortung zu eigen macht, muss sich fürchten. Sie machen sich Selbstleid und Fremdgefühl zur Eigentümlichkeit. Freiheitlichkeit statt Freiheit. Imitate an Gedanken und Gefühlen und Zahnpastatubenmusik im immerwährenden Sonderangebot. Diesen kleinen Schlüssel gebe ich lieber in die andere Tasche.

Ich fürchte mich davor, meine Furcht zu verlieren. Aber der Sturm wird kommen und er wird sie davonfegen, die Furcht, die Angst, die Eitelkeit nicht ganz, dann jedenfalls, wenn nichts anderes mehr übrig bleibt. Ich spüre bereits, wie der Wind erstarkt mit der Zeit, mit der vergeudeten und der noch zu erwartenden Zeit. Der Wind ist mein Bruder. Jetzt muss er auch kommen. Ich hab's versprochen, habe es mir verschrieben. Liegt wohl an mir, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu wissen, dass ich bin.

Ich glaube an eine Göttlichkeit, die da ist. Ich weiß nicht mehr als das. Alles, was ich wissen kann, will ich nicht glauben. Alles, was ich glauben muss, kann ich nicht wissen. Zu glauben zu wissen, ist ein Wissen, das den echten Glauben formt. Beides braucht einander. Der Irre und der Gutbürgerliche bedingen einander.
Einander zu sein, benötigt eine Trennung wie die Atemluft. Aber Gegensätze, die man gänzlich trennt, verschwinden zur Gänze. Die fürchterliche Gleichförmigkeit beseitigt das Gleichgewicht.

Die Stadt errichtet Gleichförmigkeit auf den Feldern. Dort gab es vieles, als es noch nichts gab. Jetzt kommt der vielfache Nihilismus. Wenn der Architektur die Gründe einschlafen, muss man auf das Leben hoffen.

Ich habe Angst vor dem Verlust. Und wo ist der Schlüssel? Achja, andere Tasche! Der Körper erinnert sich ans Radlfahren. Auf einsamen Straßen, mit Nachtfrost überzogen. Die Kälte beisst in die Stirn. Endlich Winter! Stört nicht mehr, im Gegensatz, im Vergleich. Es gibt eine innere Kälte, die relativiert jede Oberflächenlast. Befreit für die äußere Welt, vorbereitet für das Kommende.      


 

Freitag, 23. Dezember 2016

Nach Angriff auf Berlin: Angriff auf Asyl

Es ist eigenartig. Außgerechnet die "Heute" verpixelte ein angebliches Portrait des mutmaßlichen Attentäters von Berlin, während ganz Europa nach Anis Amri fandete. Vielleicht handelte es sich auch nur um eines der vielen Täter-Models aus dem Archiv, mit dem das Böse lediglich angedeutet werden sollte. Das echte Abbild des Verdächtigen machte bereits die Runde. Heute ist der Flüchtige tot.

Noch mehr Unsinn ist auch keine Lösung

Als man noch den falschen Verdächtigen einvernahm, waren sich die üblichen Verdächtigen der anderen Art bereits sicher: Man müsse die deutsche Flüchtlingspolitik "überdenken" - sprich Asyl einschränken. Wessen man sich natürlich lange vor der Amok-Fahrt am Berliner Breitscheidplatz sicher war. Man kommt also mit dem Reflex einer alten Idee daher, um ein Problem zu lösen, dass nur oberflächlich etwas mit der Flüchtlingssituation zu hat. Bei Anis Amri handelt es sich um einen mehrfach verurteilten, notorischen Kriminellen aus Tunesien. Er floh gewiss vor vielen Dingen, aber nicht vor dem Krieg; im Gegensatz zu den hunderttausenden anderen Asylwerber*innen, die nicht kriminell waren, wurden oder werden.

Aber in Zeiten des "Trumpismus" (eigentlich "Putinismus", nach dem Original) muss man sich auch mathematisch fragwürdige Gleichnisse von Trump junior anhören. Wenn man eine Schüssel voller Flüchtlinge (Zuckerl) hätte und drei wären vergiftet, würde sie welche essen wollen? Es ist dem Urheber natürlich klar, dass der Vergleich unsinnig ist. Reine Propaganda. Statt vergifteten Zuckerln schluckt man Bullenexkremente ziemlich schnell.

Mit der selben Logik könnte ich vor-"rechnen": Die Mehrheit der (islamistischen) Anschläge werden in Ländern verübt, aus denen Menschen eher fliehen als in sie zu flüchten/immigrieren. Demnach würde mehr Abwanderung mehr Terrorismus bedeuten. Deshalb müssten wir dafür sorgen, dass nicht nur weniger Menschen von hier deportiert werden, sondern, im Gegenteil, mehr zu uns kommen. Wegen der Sicherheit. Ich bin so frei, diese Logik anzuwenden – das nennt man freiheitliches Denken.

Asylproblematik als Ausrede


Mit erneuten Asyl-Debatten nach solchen Anschlägen versucht man vom eigenen Versagen in einem anderen Bereich abzulenken. Der Verdächtige war in mehreren Staaten amtsbekannt. Aber die Ämter Europas (und Amerikas) sind nicht ausreichend vernetzt, um diese Informationen zu nützen. Wozu lassen wir uns eigentlich von der NSA überwachen?
Vergessen wir die fehlenden Papiere und die Regeln im Asylwesen. Es ist die Aufgabe der Geheimdienste und der Polizei, nicht die der Asylbehörden, gefährliche IS-Sympathisanten, von denen man seit Monaten weiß (oder wissen sollte), auszuschalten. Spätestens seit dem Amoklauf von München wissen wir allerdings auch, dass sogar einzelne Bundesländer innerhalb Deutschlands über kein gemeinsames, funktionierendes Sicherheits- und Informationsnetz verfügen. In Zeiten, in denen ansonsten alle irgendwie vernetzt sind!?

Nationalistisches Versagen


Schuld an der mangelnden Kooperation innerhalb Europas sind rückwärtsgewandte, nationalistische Politikerinnen und machtversessener Provinzfürsten, die jeden Fortschritt bremsen. Zwar gaffen sie alle auf die gemeinsamen Fördertöpfe der EU wie die Möwen aus „Findet Nemo“, kreisend und kreischend: "Meins! Meins! Meins!" Aber wenn es um ein politisches, soziales und sicherheitstechnisches Zusammenwachsen Europas geht, fürchten sie um ihre jeweiligen Pfründe. Dadurch hinkt die europäisches Sicherheitspolitik der Bedrohungslage hinterher und ist keinesfalls zeitgemäß. Als Antwort auf die Bedrohung nun das Menschenrecht auf Asyl zu attackieren, macht die verantwortlichen Demagog*innen – vermutlich unabsichtlich – teilweise zu Gehilfen des Terrorismus.

Terroristen wissen, dass sie nicht nur generelle Angst verbreiten. Sie wissen, dass sie durch ihre Untaten die neuen Bewohner*innen, die nach Europa flohen oder immigrierten, den Generalverdächtigungen, teilweise der Wut und dem Hass der übrigen Menschen ausliefern. Dadurch trifft der Terror einerseits jene, die sich dem westlich-säkularen Lebensstil annähern und so, in den Augen der Extremisten, zu Verrätern werden. Andererseits spaltet und schwächt er unserer Gesellschaft. Es zeigt sich erneut: Die Geflohenen und wir haben die selben Feinde – gerade dann, wenn sie sich unter ihnen verstecken.

Samstag, 17. Dezember 2016

Lieber Wahrheit als Trumpismus

Was den Einen Lüge ist/
Ist den Anderen Versprechen/
Die Wahrheit wird nicht vermisst/
Kann man die Lüge nicht brechen/

Wie erkennt man die Dummheit/
Wie ist man so gescheit/
Nicht genug jedoch, für den wahren Grund/
Einer dümmlichen Entscheidung/
Auf den Besitzer schließt man vom Hund/
Ist ein dummer Hund schon eine Beleidigung?/

Sie sagt's Dir ins Gesicht/
Sie bliebe stolz bei der Idee/
Wüsste sie auch nicht/
Einen Beweis für diesen Schmäh/
Der auch nicht der Wahrheit diene/
So wenig wie der Apfel der Apfelsine/
Der allein dem Wunsche gelt/
Von einer Gewalt in dieser Welt/
Die der Verwirklichung von Märchen dient/
Wenn es auch böse Märchen sind/

Liebe Kinder im Geiste, und so/
Kam der Trumpismus auf die Erde/
Vielen ist er eine Beschwerde/
Viele Unbeschwerte macht er froh/

Wer ohne Willen zur Wahrheit lebt/
Ist leicht wie das sterbende Blatt/
Fällt und spürt nicht wie die Erde bebt/
Welt wird rau, doch Geist bleibt glatt/
Da rutschen die Gedanken dahin/
Kennen keinen Widersinn/

Die Anderen sind nicht weniger leicht/
Jedoch werden sie nicht still/
Weil dem Blatt auf dem Baume gleicht/
Wer die Wahrheit will/
Schwer wiegt nur des Baumes Kraft/
So fließt von tiefen Wurzeln/
Hinauf zum Blatt der Saft/
Und wird es auch irgendwann hinunter purzeln/
Gegt es nicht schon vor seiner Zeit aus dieser Welt/
In Gedanken, nur weil ihm das Denken nicht gefällt/

Als Untote leben/
Die der Wahrheit dieses Lebens weichen/
Weil sie nach Versprechen streben/
Für die alle Wahrheiten nicht reichen/

Ich will lieber lebendig sterben/
Als scheinlebend zu werden.


Jahresrückblick 2016: Rechtspopos, Heimat, Christlichkeit

Wie Trevor Noah pointierte: „2016 begann mit Zika und wurde (erst) dann schlimm.“ Dieses Jahr blickt man ungern zurück. Es sei denn man gehört zum internationalen Waffenhandel oder zum verinternetzten Rechtspopolismus.

Letzterer bescherte uns Wahlkämpfe mit ungeahnten Tiefpunkten menschlicher Intelligenz und Würde. Er feierte gewaltige Erfolge, die immer noch schwer nachzuvollziehen sind. Mit Donald Trump fallen die letzten Hemmschwellen: Die korrupte Privatwirtschaft sitzt endlich direkt im korrumpierten Präsidentenamt. Endlich kann man auf den Lobbyismus dazwischen verzichten. Wird viele Krawatten arbeitslos machen. Auf die tollen Synergieeffekte, die dadurch freigesetzt werden, freut sich auch schon Vladimir Putin. Die auch durch das Brexit geschwächte EU wird ihm bald weniger auf die Nerven gehen. Vor allem, wenn die AfD bei den nächsten Wahlen gewinnen würde.


"Mein Wort-Schatz!"

Eigentlich seltsam: In all diesen Fällen wählen Menschen, die Angst vor Statusverlust haben, dessen Abschaffung. So wie man immer gleich "weniger Staat" fordert, wenn er einen Fehler hat. Die "Alternative für Deutschland" ist schon als Name ein grammatikalischer Fehler. Sie stößt sich dermaßen am deutschen Grundrecht, es müsste "Alternative zu Deutschland" heißen. Sie und andere Rechtspopos verteidigen die "Heimat" als persönlichen Wort-Schatz wie Gollum den einen Ring. Mit Heimat meint sie die eigenen vier Wände ihrer Meinungs-Höhle, dort wo „Normalität“ herrsche, egal wie kalt und dunkel sie ist. Und wehe „dreckige, kleine Hobbitse“ „stehlen“ ihren Wort-Schatz... Dann fliegen die Hasspostings!
Wahrscheinlich verstehen wir unter Heimat alle etwas anderes und doch immer das Gleiche, wenn wir nicht gerade vom gemeinsamen Land, dem gemeinsamen Staat sprechen? Versucht man diesen Begriff genauer zu beschreiben, besser, was er persönlich bedeute, kommt man vom hundertsten ins tausendste Detail.

Die Verteidigung des "christlichen Abendlandes" ist ähnlich verwirrend. Christlichkeit? Christentum? Was das sein soll, war unter Christ*innen in Europa bereits vor Luther ein Streitpunkt. Abgesehen von Friede, Frömmigkeit und Fandom. Früher fuhr bei solchen Streitigkeiten wenigstens noch die noch nicht erfundene Eisenbahn der katholischen Inquisition drüber.

Heute hingegen herrschen Religionsfreiheit und Säkularismus in lustiger Eintracht: Eine Errungenschaft der religionskritischen Aufklärung. Dank ihr dürfen FPÖ-Fans behaupten, die Kirche vor der Islamisierung retten zu wollen, in der sie sich nie blicken lassen; außer sie werden durch das mächtige Triptychon der heiligen Gesellschaftspflichten – Taufe, Hochzeit, Beerdigung – hinein beschworen. Das hat man nun von Freiheit und Multikulti.

Warum wollen also ausgerechnet „Freiheitliche“ die "christlichen Werte" verteidigen? Das Gegenteil von Islamisierung ist schließlich nicht Christianisierung. Das Gegenteil von Islamismus ist der säkulare Rechtsstaat. Den haben wir bereits. Könnte man auch verteidigen. Aber damit lässt sich halt nicht gut reimen. Es klingt auch nicht so knackig und dramatisch in der stets bedrohten Heimat.

Meine Heimat

Heimat: Wenn ich dieses Wort denke, taucht immer das selbe, erste Bild auf. Der Blick aus den Fenstern meiner Elternwohnung. Er geht nach Westen, vorbei am Untersberg, dorthin, wo der Staufen mit seinem Wolkenkranz aussieht wie ein mächtiger Vulkankegel; wo die Sonne neben dem ebenfalls bayrischen Högl untergeht, in deren Tiefenlicht sich das Alpenvorland ausbreitet. Das sah mir früher nach großer, weiter Welt aus, von der ich nicht immer wusste, dass sie Deutschland hieß (Tschuldigung! Bayern natürlich); von der ich träumte, kurz bevor ich ins Bett geschickt wurde.

Meine Fremde

Dieses Bild ist Heimat für mich. Es hat zwei Hauptkomponenten: Das Nahe, Vertraute, das durch eine üppige Baumreihe – hauptsächlich aus Eichen und Buchen – begrenzt wird, unter der sich auch heute noch der Spielplatz befindet. Und das Ferne, Unbekannte, das im wahrsten Sinne über die eigene Grenze hinaus geht.
Das Fremde ist immer ein Teil des Eigenen. Manche fürchten sich davor. Andere macht es neugierig. Würde ich Heimat verteidigen wollen, müsste ich mich schützend vor den Stadtrand stellen, vor Wälder, Berge, Landschaften. Aber in den Vororten herrschen als einzige Gefahren rutschige Stiegenhäuser. Und das Landschaftsschutzgebiet wird höchstens von einheimischen Geschäftsleuten bedroht, die ihre hässlichen Bauklötze hineinstellen wollen.

Meine "christlichen" Werte

Auch ein Teil meines Heimatgefühls ist das Christliche, obwohl ich mein „röm.kath. durch ein „o.b.“ ersetzte. Man muss nicht sonderlich gläubig sein, um sich auf Weihnachten zu freuen. Auch Ausgetretene singen Weihnachtslieder, wenn auch heimlich. Ich hatte keine Ahnung von der Liturgie, stand dennoch Ministrant herum. Ich fand die Darstellungen an den Kirchendecken, dazu den muffigen Weihrauchgeruch unheimlich, sang trotzdem als Domkapellknabe. Ich spielte bei der Jugendtheratergruppe meines Pfarrers mit und reiste nach Taizé. Im Wohnzimmer meiner Eltern steht immer noch eine Madonna aus Holz, obwohl die Beiden noch weniger religiös sind als ich.

Meine Identität

Das Christentum ist eben nicht nur Religion. Darauf zielen die Rechtspopulisten auch ab. Es ist ein Kulturgut, das man hierzulande als identitätsstiftenden Bestandteil mitgeliefert bekommt; selbst wenn ihn niemand bestellt hat. Auch wenn man Religion ideologisch ablehnt, trägt die Ablehnung zur Identitätsstiftung bei. So wie man sich die Baumreihen und Berge in der Abenddämmerung nicht aussuchen kann, die sich einem einprägen. Da kann ich nicht klagen. Ich lernte durch die Kirche(n) wunderbare Menschen kennen. Wie göttlich oder menschlich Jesus wirklich war, ist mir egal. Viele Gläubige sehen ihn quasi als humanistisches, sogar sozialistisches Vorbild – was auch immer tatsächlich nach ihm (ins Neue Testament) kam. Soll mir Recht sein, nur nicht Recht. Es ist auch wundervoll, zu erleben, wie leidenschaftlich Menschen von ihm sprechen, die wirklich an die Nächstenliebe und den Frieden glauben.

Meine Antichristen

Diese „christlichen Werte“ verteidige ich gerne. Es sind auch meine Werte, auch wenn ich ihre Quellen woanders orte. Aber vor wem sollte ich sie verteidigen? Vielleicht vor Ungläubigen, die Kindern zurufen, sie sollten wieder in den Krieg zurück verschwinden, aus dem sie flohen? Vor Hohepriestern und Landesfürsten, die sich auf keine gemeinsame Mindestsicherung einigen können, weil die, die wenig haben, nicht genauso viel bekommen sollen müssen, wie die, die noch weniger haben? Vor Stadthaltern, die das Betteln verbieten wollen, aber genug Geld für falsche Propheten in den Medien übrig haben?
Das klingt nach verdammt viel Arbeit. Vielleicht versuch ich's auch einmal Hasspostings. Das wird mein Neujahrsvorsatz. Ich wünsche ein frohes Fresst... Fest (freudscher Verschreiber)!

Montag, 12. Dezember 2016

Smokey Vienna: Wien, Dezember, rauchig

Gasometer, Vienna

Schafberg, Vienna, looking north-east

A Liar

He's a liar/
And they know it/
Still breathing his fire/
Still swallowing his shit/
Just not knowing/
What else to do/

Past is flowing/
Future will strike true/

Once the greedy worked hard/
As puppet masters/
At least a formless form of art/
Today it's just a disasters/
And this master is his own marionette/
Well, thanx! The stage is set/

And any rebellion will drown/
In the mass religion of the gun/
The union had signed at dawn/
Before its damnnation begun/

An unholy canonization/
Of the weapon of cowards/
Blood run from the railway station/
To their soil, earthwards/
Where it was coming from/

Blood will always come back/
Now stand still and see/
How evil deeds of old following your track/
And democracy commits suicide/

And you have no other system to flee.
 

Montag, 5. Dezember 2016

#BPW16: Wer die Wahl gewann

Ja, sicher! Sicher! Ich könnte mich kurz fassen: Die Wahl zum Bundespräsidenten 2016 gewann Dr. Alexander Van der Bellen. Ansonsten hat niemand die Wahl gewonnen. Es gehört schließlich zu den gesellschaftlichen Errungenschaft einer Demokratie, dass man wählt, damit ein anderer Mensch (Macht) gewinnt, von der/dem man sich am besten vertreten fühlt oder - im Idealfall - denkt.

Kein Sportereignis

Natürlich sagt es sich leicht: "Wir haben gewonnen! Wir haben es geschafft!" Tatkräftige Unterstützer*innen der VdB-Kampagne können auch durchaus stolz auf sich sein. Asonsten ist die Demokratie aber kein Fußballspiel. Es gewinnt nicht die gesamte Mann- oder Frauschaft inklusive Trainer oder Trainerinnen plus Fan-Gemeinschaft den Sitz in der Hofburg. Abgesehen davon, dass man am Sonntag eventuell seinen Hintern erheben muss, hat eine Wahl auch wenig mit sportlicher Leistung zu tun. Alle Wahlberechtigten haben einen Freistoß und der trifft immer. So eine Stimme bedeutet zwar ein hohes Recht, aber im Verhältnis wenig Macht. Und das ist auch gut so, ist der Sinn der Demokratie. Erst die Summe macht das Spiel. Für sich allein kann eine Stimme nichts erreichen, daher auch keine einzelnen "Wählergruppen".

Schlagzeilenanfall

Wenn also Wahl-Analysen eintreffen, trifft mich der Schlagzeilen-Schlag. Die Frauen entschieden die Wahl? Gewannen sie gar? Oder die Jungen? Oder die Gebildeten? Oder die jungen Gebildeten? Die Städte gegenüber dem Land? Diese Segmentierung der demokratischens Gesellschaft, diese absolute und zweidimensionale Sicht- oder Schreibweise auf die Daten ist nicht nur falsch. Sie füttern auch die populistische Spaltung der Gesellschaft mit Schlagworten.

Jede/r der/die für Van der Bellen stimmte, hat zur entscheidenden Summe beigetragen - nicht mehr und nicht weniger. Die jungen, gebildeten Frauen in den Städten hätten ihren Kandidaten alleine nicht in die Hofburg befördern können. Nicht ohne die Männer, die ebenso VdB ankreuzten. Nicht ohne die wenigen Arbeiter*innen und Pessimist*innen die trotzdem nicht Hofer wählten. Es gibt bestimmt auch ungebildete Alte, die nicht nur eine rechtsextreme Grinsekatze verhindern, sondern sogar einen Altgrünen wählen wollten. Daher gehört "der Sieg" ihnen allen und nicht nur einem einzelnen "Segment".

Stadt-Land-Schmus

Rechter Rand am Land? Natürlich wird es immer eine Diskrepanz zwischen Stadt und Land geben. Die meisten Menschen leben in Städten, die soziale Durchmischung ist entsprechend höher. Mehr gebildete Jungfrauen, von denen manche auch eingebildete Jungmänner sind, leben urban. Das bedeutet aber nicht, dass man sie nicht auch hinterm Wald fände, wenn dort auch die Baum-pro-Bildungsbürgerin-Quote eine andere Relation hat.

Am Land werden gewisse Probleme auch leichter sichtbar. Mit der Entwicklung zur Dienstleistungs-Gesellschaft kann man in Agrarregionen wenig anfangen. Vielleicht schiebt man Entindustrialisierung und "Bauernsterben" der ökologischen Strenge der Grünen in die Waldviertler-Schuhe. Auch wenn die Grünen bisher nicht bundesweit und nirgends alleine regierten. Einige werden sicher erkennen, dass die gegebene Entwicklung eher mit Globalisierung zu tun hat. Das heißt aber nicht, dass sie die Globalisierungskritik der Grünen, dieser "kiffenden Öko-Hippies", anerkennen. In den Medien spricht man diesbezüglich nur über Hofers Einstellung, weil man seinen populistischen "Öxit"-Flirt mit einem thematisch ernstzunehmenden Beitrag verwechselte.

Die Konservativen gelten traditionell als die Hüter des Bauern(be)stands. Das ist genauso tief in dörfliche Strukturen eingeprägt wie Kirche und freiwillige Feuerwehr. Hofer war bei dieser Stichwahl der einzige "Konservative". Dennoch wählten auch Landmenschen den "linkslinken" Van der Bellen. Vielleicht nahmen auch ein paar verirrte Rechtsradikale den "Grünfaschist" in der vermeintlichen "Hitlerpose" ernst.

Segmentegesellschaft, Segmentekampf

Nicht vergessen: Die Menschen sind mehr, als ihre Segmente. In den Analysen ihrer Statistiken bleiben Fragen ungeklärt. Ich ahne strategische Fehleinschätzungen für die nächsten Nationalratswahlen voraus. Der massenmediale Interpretationstanz könnte letztlich emotionale Gründe liefern, die Legitimität einer solchen Wahl in Frage zu stellen. Wenn man die gesamte Wählerschaft in bedeutende und unbedeutende Schubladen einteilt, werden sich viele Menschen wenig repräsentiert fühlen (vom Präsidenten). In Wirklichkeit wird aber jede Stimme gezählt und das gesamte Land hat entschieden - nicht seine einzelnen Wahlsegmente. Das nennt man Demokratie. Und die massenmediale Wahl-Segmentierung nennt man besser "Filetierung": Gustostückerln für die Schlagzeile, für einen "Rosenkrieg" bei den Wahlen.

Erschien auch auf Fisch & Fleisch

Samstag, 3. Dezember 2016

Zur Erinnerung: Das Warum in der Wahlwiederholung

Man muss vielleicht zwischen der Juristerei und einer verständlichen Sprache unterscheiden. Schließlich nennt man so ein Urteil des österreichischen Verfassungsgerichtshof "das" Erkenntnis. In der Philosophie hingegen spricht man eher über "die" Erkenntnis. Das ist der Hinweis auf ein grundlegendes Missverstehen meinerseits. Daran muss es liegen, dass ich mich, je näher ich mich mit der jetzigen Stichwahlwiederholung befasse, umso weniger auskenne.

Formen ohne Inhalte

Es gab Formalfehler in gewissen Mengen. Schlecht. Die Formalitäten sollen Wahl-Manipilationen verhindern. Letztere wurden vom VfGH alledings nicht nachgewiesen. Es wird nur erklärt, dass es welche geben "konnte". Daher wurde die Stichwahl annulliert. Das ist, als ginge im Auto der Airbag hoch, weil eine Tür nicht ganz geschlossen wurde.
Aber wie kam es zum Nachweis? Belasteten die Zeug_innen sich allesamt selbst und erklärten, sie hätten zwar Formfehler gemacht, nachdem sie zuvor unterschrieben hatten, dass alles in Ordung gewesen wäre? Aber manipuliert hätten sie nicht? Oder beobachteten sie die jeweiligen Vorstehenden bloß beim Verschwinden ins stille Kammerl, wo daraufhin z.B. das illegale Öffnen von Briefwahlkarten vollzogen wurde? Was sie außerhalb des stillen Kammerls jedoch nicht feststellen hätten können. Und wenn sie doch dabei gewesen wären, hätten sie dann alles ganz genau beobachtet? Aber doch die Klappe gehalten, bis klar wurde, dass die FPÖ knapp verlor? Und dann wurde das Signal gegeben? Norbert! Sag, dass du die Niederlage akzeptierst, mein Unschuldslämmchen! Wir fechten derweil die Wahl an.

Wurde die Formalität so weit verformt, dass Manipulation wirklich möglich gewesen wäre. Als ich mein Kuvert - unwissender-, aber illegalerweise - selbst in die Urne warf, so wie alle vor und nach mir? Hätten die Wahlhelfer_innen mehrfach gefälschte Stimmzettel mit Kreuzerl für Van der Bellen bemerkt, wenn sie für mich eingeworfen hätten? Hätten sie es etwa nicht bemerkt, wenn sie das Kuvert geöffnet hätten? Hat der VfGH bei ähnlichen Situationen festgestellt, dass es deshalb keine Manipulationen gab, weil selbst die Formalfehler gar keine ermöglichten? Oder fehlten nur die konkreten Vorwürfe von Zeugen-, also teilweise Verursacherseite? Und der VfGH begnügte sich damit, nichts Genaues zu wissen?
Vielleicht war der VfGH genauso verwirrt wie ich? vielleicht unter zu großem Zeitdruck? Weshalb er letztlich nur die Möglichkeitsform von Manipulationen in den Raum stellte. Aber wie kann er sicher sein, wenn er sich nicht sicher ist? Und müsste er sich nicht sicherer sein?

Mit den Wähler_innen werden die Falschen bestraft

Selbst wenn es tatsächlich zu Manipulationen kam bzw. nach etwaigen Stimmenungültigmachungen, ließe sich dadurch nachweisen, dass Hofer Stimmen gestohlen wurden? Worauf der VfGH eigentlich hätte achten sollen: Ob die unbewiesene, aber mögliche Manipulation von relevantem Einfluss auf das Wahlergebnis war. Was nicht feststellbar ist, wenn man nicht einmal weiß, ob es zu Manipulationen kam.

Darauf achten müssen hätte der VfGH nicht. Als höchstes Institut unseres Rechtsstaat hat er die höchste Interpretations-Souveränität inne. Er darf, im Hintergrund seines Erkenntnisses, nach der Vertrauenswürdigkeit des Wahlprozesses fragen. Auch wenn das nicht seine Aufgabe ist. Währenddessen urteilen einige Kolleg*innen (Zyniker*innen) von mir, dass Österreich zu blöd zum Wählen wäre. Ein Fehlurteil. Die Wahlwiederholung ist nicht die Schuld der Wählenden, sondern die einer Minderheit der Mitarbeiter_innen in den Wahlbehörden. Dennoch hält man quasi allen Österreicher_innen vor: Falsch gewählt! Nocheinmal.

Wieviel Sünde trägt der Bock als Gärtner

Muss man deshalb die ganze Stichwahl wiederholen? Hätte es nicht genügt, die Formverfehlenden zu Abschreckungszwecken zu bestrafen? Z.B. den offiziellen Wahlanfechter H.C. "Rache" Strache, der geheimzuhaltende Hochrechnungen verbotener Weise frühzeitig veröffentlichte? Würde ansonsten nicht erst recht das Vertrauen in die Demokratie bzw. den Rechtsstaat in Zweifel gezogen werden - wie ein Argument des VfGH lautete - wenn die wahlanfechtende Partei selbst für die anzufechtenden Formfehler verantwortlich wäre? Wenn sie selbst den Grund für die Annullierung des Wahlergebnisses lieferte, als hätte sie dessen für sie ungünstiges Ergebnis geahnt oder zumindest seine Möglichkeit eingeplant? Und das ohne rechtliche Konsequenzen? Oder doch? Darüber wird ja wenig berichtet.

Immerhin waren auch Wahlhelfer_innen der klagenden FPÖ an den "Schlampereien" beteiligt, die sie erst nach Bedarf - also dem Sieg Van der Bellens - bekanntgaben. Wobei sie ihren eigenen Betrug zugaben, da sie zuvor eidesstattlich unterschrieben, dass alles konform abgelaufen wäre. Wobei sie womöglich geblieben wären, wenn Hofer gewonnen hätte. Wird das rechtliche Folgen für diese Personen haben? Weiß der VfGH genug darüber, um sich vom tatsächlichen Schlamperei-Vorgang ein Bild zu machen? Oder lässt er sich von der FPÖ ein wenig verarscherln?

Der Januskopf will's wissen - ich auch

Der einzige, der in diesem Fall Sinn für mich macht, ist ausgerechnet der freiheitliche Januskopf Norbert Hofer. Natürlich ist sein Good-Demagogue-Bad-Populist-Spiel, das er gemeinsam mit Strache treibt, leicht zu durchschauen. Es ist auch klar, dass die FPÖ mögliche weitere Manipulationen (im Altersheim) nur deshalb ein weiteres Mal zur Anzeige brachte, weil sie's für den erneuten Wahlkampf benötigt: Ein doppeltes Netz über dem Grund für ihre bisherige Anfechtung. Aber das ist wenigstens nachvollziehbar.

Auch ich würde gerne, wie Hofer es verlangte, wissen, ob es tatsächlich Manipulationen gab. Oder ob die Stichwahl lediglich einem Schönheitsfehler zum Opfer fiel, einer oberflächlichen Beurteilung. So wie Neukanzler Kern internationale Wahlbeobachter_innen nur deshalb ablehnt, weil das dem Image Österreichs schaden könnte - zusätzlich zur Wahlwiederholung selbst.

Tat-Sache VS Imagefrage

Ich erhielt also - zur Stichwahlwiederholung und zum VfGH-Urteil - mehr Fragen als Antworten. Das Einzige, das sich recht klar als Muster in den Äußerungen von Verfassungsgerichtshofpräsident Holzinger, BuPrä-Wieder-Kandidat Hofer, Ex-BuPrä Heinz Fischer und Kanzler Kern abzeichnet: Es geht nicht um Tatsachen, nicht um (Un)Taten sondern ums Image, um den Anschein. Vermutlich ist das der entscheidende Unterschied zwischen "dem" Erkenntnis und "der" Erkennntis.  

Das ist auch der Unterschied zwischen Van der Bellen und Hofer. Ersterer erscheint äußerlich nicht perfekt und sein Gegner stürtzt sich auf jedes seiner I-Tüpferl, das durch sprachliche Fehler einen inhaltlichen vorgaukelt. Letzterer ist ein Rhetorik- und Partei-Marketing-Profi. Gewinnt Hofer, dann gewinnt auch die Oberflächlichkeit, die schmeichelnde Redekunst gegenüber der Wahrheit.

Die Scheiß-Geschichte und das Scheiß-Muster

Aber das ist das Muster der Anfechtung. Es ist das traurige Muster in der politischen Menschheitsgeschichte. Sokrates wurde "hingerichtet", ermordet. Platon wurde vorübergehend versklavt. Die Redekünstler aber, die Sophisten machten politische Karriere. Zum Trost aber taugt: Die Platoniker begründeten Schulen, Aufklärung, Zivilisation und sind heute noch weltberühmt. Die Demagogen und Schmeichler hingegen kennt keine Sau mehr. Sie liegen begraben unter den Ruinen ihrer Inhaltleere.

Freitag, 2. Dezember 2016

10 Punkte für Van der Bellen

Ich will dennoch einen Überblick verschaffen, über gute Gründe kommenden Sonntag Van der Bellen zu wählen. Außerdem versuche ich direkte Vergleiche zu seinem Kontrahenten – einer grau melierten Grinsekatze aus dem rechtsextremen Wunderland – zu vermeiden, ergo dessen Fehler aufzuzeigen. Denn man kann am 4. Dezember durchaus Alexander Van der Bellen ankreuzen, auch wenn man sich nicht vor Rechtsextremismus fürchtet. Er wäre, für sich allein betrachtet, ein intelligenter, besonnener Bundespräsident, politisch und gesellschaftlich etwas links von der Mitte.
Und ich geb's zu, die "10 Punkte" zu VdB sind nur Werbung (das Internet liebt 10-Punkte-Listen).

Quelle: WikiCommons/gruene.at


Keine Miss Austria

Eines spricht bereits für ihn: Seine Gegner und Gegnerinnen können Van der Bellen kaum moralische oder berufspolitische Fehler vorwerfen. Deshalb zicken sie gerne über sein Äußeres. Seine Plakatserie wäre zu plakativ, sie würde nicht zu den Vorurteilen und Verleumdungen der Internetblasenwelt, dieser Online-Gerüchteküche passen. So dürfe ein "Grüner" keinen Trachtenjanker tragen (Weil? So halt!). Seine Zähne wären nicht schön genug. Zugleich grinse er viel zu wenig (siehe Widersprüchlichkeit). Außerdem wäre er schon alt und nicht gerade ein Unterhaltungskünstler. Ich denke, wenn sie eigentlich eine Miss Austria wählen wollten, können sie am 2. Adventsonntag auch zuhause bleiben.    

Wi(e)der das Trick'l vom Kickl

Im Wahlkampf saugt man sich einiges gegen VdB aus den Fingern. Während H.C. "Gelhelm" Strache über den verpixelten Bart des 72-jährigen herzieht, setzt Herbert Kickl auf Rhetorik-Schmähs. Erst letztens, im Zentrum konnte man hören, wie er zusammenhangslose Andeutungen und Zitate aneinanderreihte, um den Ex-Chef der Grünen als jemanden darzustellen, der keine feste oder eine widersprüchliche Meinung hätte. Die Worthülsen fielen so schnell, dass sein Gegenüber nicht auf den Schwachsinn im Detail antworten konnte.
Kleine Hilfestellung: Gegen nachweislich überteuerte und in Zusammenhang mit Korruption gekaufte Euro-Fighter zu sein, bedeutet nicht, gegen das Militär im Allgemeinen zu sein. Die Grünen haben auch kein Problem mit der Flagge unserer Republik. Jene angedeutete Sackerl-Flaggerl-Aktion war eine einmalige Satire gegen übertriebenen Nationalismus, die von Jung-Grünschnäbeln in Wien durchgezogen wurde. Einmal, von einer lokalen Gruppe, gegen den Wunsch des damaligen Gerade-Noch-Chefs. Dass die Konkurrenz vor allem letztere G'schicht ständig zur Unwahrheit aufbläht, zeigt, dass sie ansonsten nicht viel gegen Van der Bellen zu sagen hat.  

Ein Studierter mit Inhalt

Natürlich gibt es auch echte Themen und Inhalte, mit denen man nicht einverstanden sein könnte. Aber einerseits wählt man keinen Regierungschef, keinen Gesetzgeber. Andererseits zeichnet sich Van der Bellen dadurch aus, dass er über Inhalte genau nachdenkt. Seine Kritikerinnen stellen es gerne so dar, als wäre er ein bisserl langsam. Wir sind Schaussteller auf der politischen Bühne gewöhnt, die zuerst möglichst schnell und laut sprechen und erst dann nachdenken. Dafür gibt es auch Rhetorikkurse: Damit man den verzapften Blödsinn bestenfalls in Echtzeit auszubessern weiß. Van der Bellen hat das nicht nötig.
Er ist ein Studierter geblieben. Wo andere nur Floskeln haben, hat er eine Meinung. Sie ist reflektiert. Und vor allem: Sie ist seine eigene. Die Welt auf eine irreale schwarzweiß Aufnahme zu reduzieren, macht zwar den populistischen Wählerinnenfang leichter. Aber dem zum Trotze bleibt „der Professor“ seinen intellektuellen Ansprüchen treu. Was also von einigen als seine Hauptschwäche ausgelegt wird, ist in Wahrheit ein triftiger Grund, ihn zu wählen. Goscherter Populismus gehört höchstens in die Opposition. Der Bundespräsident hingegen sollte ein bedachter, ein eigenständig denkender Mensch sein (er hat ja auch die Zeit dafür).

Grün-Faschist?

Deshalb ist auch der Vorwurf, er wäre ein "grüner Links-Faschist" (oder umgekehrt) ein reines Ablenkungsmanöver von den eigenen Leichen im Keller (ich will ja keine Namen nennen, von wem); einer der vielen Widersprüche gewisser Schmierfinke: Denn eigentlich wird ihm gerne vorgeworfen, er denke zu viel nach und würde (auf Grundlage dieser Gedanken) auch mal seine Meinung ändern. Im Gegensatz dazu macht es "Faschisten" oder auch "Extremisten" aus, dass sie weder nachdenken noch ihre politische Meinung ändern (können).

Freihandel

VdB betrachtet TTIP mittlerweile kritisch. CETA gehört zu jenen Themen, bei denen er eine bedachte Position einnimmt. Er ist grundsätzlich nicht gegen Freihandel, solange die Rechte der österreichischen bzw. europäischen Bevölkerung, Unternehmen und Regierungen durch ein solches nicht gefährdet werden. Damit stellt er sich sowohl gegen die extreme Rechte als auch gegen die extreme Linke (siehe: Kandidat der Mitte).

Europa, eh klar, aber...

Van der Bellen ist natürlich pro-europäisch. Wer heute noch glaubt, dass es uns ohne EU, aber mit Schilling besser ginge, der/dem kann ich auch nicht mehr helfen. Abgesehen von Personen, die in den letzten 30 Jahren im Koma lagen (kontaktieren Sie mich!). Andererseits steht er der Idee einer EU-Armee skeptisch gegenüber, weil sich diese nicht mit der österreichischen Neutralität vereinbaren ließe. Seine EU-Befürwortung kennt also auch Grenzen.

Flucht und Migration mit menschlichem Augenmaß

Beim Thema Migration und Flucht zeigt sich auch ein Medien-Problem. Der ORF titelt: "Van der Bellen gegen Obergrenze". In Wirklichkeit bezweifelt er nur, dass eine Obergrenze für Flüchtlinge und Asylwerber rechtlich überleben könnte. Auch die FPÖ kritisiert gelegentlich, wenn Gesetze beschlossen werden, die vor der Verfassung nicht stand halten können. VdB tat hier nichts anderes.
Ansonsten zeigt er auch bezüglich Flüchtlingspolitik Besonnenheit. So hat er nichts gegen Kontrolle und Registrierung an den Grenzen. Von Kürzungen der Sozialleistungen für Flüchtlinge hält er aber wenig, weil Verelendung und dadurch folgende Ausgrenzung genau jene Integration verhindern würde, die von Kürzungsbefürworterinnen immer wieder verlangt wird (siehe: Zuerst denken, dann sprechen!). Man darf auch hier nicht vergessen: "Der Bundespräsident ist nicht der Ersatz-Innenminister". VdB würde die Regierung jedenfalls daran erinnern, dass die Menschenrechte Teil unserer Verfassung sind.

Nicht mehr grün hinter den Ohren

Der ehemalige Bundessprecher der Grünen ist keiner der sich an einen Baum ketten würde. Im Grunde ist ein grüner Raucher wie ein Jäger, der sich beim VGT engagiert. Aber auch das zeichnet VdB aus: Der Umweltschutz ist für ihn wichtig, weil er vernünftig ist. Extreme Positionen nimmt er deshalb auch hier nicht ein.
Für eine Legalisierung von Marihuana setzt er sich übrigens auch nicht ein. Obwohl dieses Gerücht gerade der angeblich Grünen-skeptischen Landbevölkerung gefallen müsste. Im Gegensatz zu Tabak, wächst das Graserl auch bei uns.

Putin & Co

Van der Bellen zeigt geopolitisches Verständnis für die Annektierung der Krim durch Russland. Er sieht das Problem des Konfliktes vielmehr in der Ostukraine und fairerweise ebenso bei der ukrainischen Regierung. Was nicht bedeutet, dass er dem Putin-Regime gegenüber völlig unkritisch wäre. Er schlägt sich (obwohl pro EU) nicht blind auf eine Konflikt-Seite, sondern analysiert genau und ergreift Partei für die Vernunft.

Antidemokratisch?

Die Tatsache, dass er den aktuellen FPÖ-Chef-Demagogen nicht zum Bundeskanzler ernennen wolle, entspricht keiner Parteilinie. Im Gegenteil: Sie entspricht seiner persönlichen Haltung und seinem selbstbewussten Amtsverständnis. Der Bundespräsident hat schließlich die Pflicht und das verfassungsmäßige Recht, eine Regierung abzulehnen, die seiner Ansicht nach der Republik schaden könnte. Van der Bellen hat die Eier, das laut auszusprechen und auch dabei zu bleiben (sein Gegner hingegen will die Regierung nun vielleicht doch nicht mehr entlassen). VdB verspricht auch nichts, was sein Amt nicht hergeben könnte.

Ein Mann des Volkes

Seine Gegner bezeichnen ihn als Kandidaten einer abgehobenen Elite. Aber Van der Bellen ist (intellektuelle) "Elite" im ursprünglichen Wortsinn. Der Wirtschaftswissenschaftler ist einer der wenigen (Anm.) Politikern, die nicht nur (irgendwas) für Titelgeilheit, Vitamin-B und politische Karriere studierten. Er war seine gesamte Karriere über in der Opposition und gehört (im Gegensatz zu seinem Kontrahenten) nicht mehr zum parlamentarischen, staatlichen Establishment. Stattdessen saß er bis 2015 im Wiener Gemeinderat. Er finanziert seinen Wahlkampf zu einem großen Teil (2,73 Millionen) durch Privatspenden aus dem Volk. Die Grünen unterstützen ihn naturgemäß, administrativ allerdings auch die SPÖ. Die Neos ergreifen Partei für ihn, ebenso Teile der ÖVP. Es gibt kaum einen Präsidentschaftskandidaten (abgesehen von Irmgard Griss, die ihn ebenfalls wählt), dem die Überparteilichkeit eher zu zutrauen ist.

Ein Kandidat der Mitte

Van der Bellen ist kein "Linkslinker", nur weil er nicht gerade rechts ist.  Barack Obama oder die EU sind schließlich auch nicht pazifistisch, nur weil ihre Administrationen den Friedensnobelpreis erhielten. In allen genannten Beispielen zeigt sich vielmehr: VdB ist ein Kandidat der Mitte mit gewissen Linksdrall. Er scheut in seinem Buch "Die Kunst der Freiheit" auch nicht davor zurück, eingefleischten Grünen vor den Kopf zu stoßen und stets seinen eigenen zu benützen – auch gegen parteipolitische Konventionen. Man muss nicht in allen Dingen seiner Meinung sein, um das anzuerkennen.    

Kein "Traum"-Kandidat

Das, was aus meiner Sicht an VdB tatsächlich zu bemängeln wäre, kommt selten zur Sprache (siehe: Vorwürfe aus der Gerüchteküche). Vielleicht, weil es den Rechten eigentlich gefallen müsste: Seine zurückhaltende Kritik gegenüber Kapitalismus, Neoliberalismus und Putin & Co, seine Distanz zur echten Linken, zum Sozialismus.
Ich hätte mir ja eine charismatische Frau und echte Sozialistin (und Nichtraucherin) in die Hofburg gewünscht. Aber eine solche Kandidatin bleibt ein Traum. Weshalb ich den einzig wahren Kandidaten wähle. Als Oppositionspolitiker war er mir zu „moderat“. Aber als Bundespräsl wäre Alexander Van der Bellen nicht nur im Vergleich der bessere. Er würde für sich gesehen so gut in die Hofburg passen wie eine Tschik ins Tschocherl, wie Hubert von Goisern hinter die Quetschn, wie der Jedermann vor den Salzburger Dom...

Das Wichtigste zum Schluss: A Ruhe in der Hüttn! 

Van der Bellen wäre ein gelassener Bundespräsident. Natürlich würde sein Bekenntnis zur Demokratie, Menschlichkeit und Vernunft vehement verteidigen, wenn er muss.  Aber er würde keine halb-heimliche Agenda gegen bestimmte Personen- oder Volksgruppen hegen. Er wäre kein Populisten-Präsident. Sondern ein freundlicher, gefestigter Herr, der gelegentlich nette Ansprachen hält. Das heißt, sollte er gewinnen, müsste ich mich für die nächsten 6 Jahre nicht über das Amt aufregen. Es könnte uns allen wieder so wurscht sein wie bisher. Wir haben immerhin wichtigere Probleme.