Dienstag, 30. Juni 2015

Griechenlandkrise für Dummies


Die Politik

Die Verantwortung liege bei der griechischen Regierung
. Diese kann aber nicht regieren wie sie will, sonst erhält sie keine Kredite, die sie zum Regieren benötigt.
Die politische Verantwortung für Griechenland liegt daher auch bei den Kreditgeber_innen, den Europartner_innen. Diese vergeben ihre Hilfskredite im Eigeninteresse, um ihre Investitionen in Griechenland zu retten oder potentiellen griechischen Investor_innen Zeit zu geben, ihre Finanzkraft in andere (vorzugsweise ihre jeweiligen) Euro-Staaten zu verpflanzen.

„Mit großer Macht, kommt große Verantwortung.“ Wer kann dem widersprechen? Die größere Macht und damit die größere Verantwortung, liegt bei IWF, EZB, EU-Kommission und EcoFin. Angeblich auch bei Angela Merkel.
Diese behauptete: „Der Wille zu einem Kompromiss war auf griechischer Seite nicht da.“ Und die Massenmedien geben ihr unwidersprochen Recht. Obwohl Syriza-Regierungschef Tsipras zuletzt zu für ihn schmerzhaften Zugeständnissen bereit war.
Diese wurden dennoch abgelehnt, weil man offensichtlich auf Seite der Troika-Institutionen eine Einigung hinauszögern will. Ein zappelndes Griechenland ist wie weiches Wachs in ihren Händen, das sie nach ihren Wünschen zu formen suchen. In den Medien wird es meist anders dargestellt.

Die Syriza-Regierung solle die Maßnamen der Troika-Institutionen fortsetzen, obwohl sich diese als nutzlos erwiesen haben und die Probleme aller Beteiligten nur vervielfachten. Die griechische Regierung kann diesen Maßnahmen daher nicht zustimmen. Es fehlt ihr der Handlungsspielraum.

Der Handlungsspielraum liegt bei den Troika-Institutionen. Sie können sich bewegen, wollen aber nicht.

Zum Einen
, weil sie nicht im Interesse des Euroraums, dessen Bevölkerung, dessen Steuerzahler_innen handeln, sondern im Interesse gewisser Banken und Konzerne, die von der aktuellen europäischen Finanzpolitik profitieren:
Kredite werden billig vergeben, um Absätze in Ländern wie Griechenland zu erhöhen. Davon profitieren Exportunternehmen auf Kosten der Steuerzahler_innen und Arbeitnehmer_innen. Diese müssen als Garanten für jene Kredite, aber auch mit Lohnverzicht (wie in Deutschland) für die Exportüberschuss-Wirtschaft herhalten. Während die Bevölkerung der Absatzländer die Schulden ihrer Regierungen – beispielsweise für deutsche Waffen (wie in Griechenland) die sie nicht brauchen – sich (ebenso in Griechenland) mittlerweile vom Mund absparen muss.
Diese „Absatz-Bevölkerung“ des Euroraums muss außerdem die Schulden der Finanz-Unternehmen übernehmen, damit diese gerettet werden können, weil sie „systemrelevant“ wären, egal wie schlecht sie wirtschaften.

Zum Anderen wollen die Vertreter_innen dieser neoliberalen Blasen- und Großkorruptionswirtschaft nicht, dass radikale Linke in Regierungsposition ein besseres Bild abgeben als sie selbst bwz. ihr neoliberales wirtschaftspolitisches System.
Die meisten Finanzminister_innen des Euroraums gehören konservativen bzw. neoliberalen Parteien an. Neun von diesen Zwanzig sind in der Sozialdemokratie daheim, zu denen ich allerdings auch Jeroen Dijsselbloem (Chef der Euro-Gruppe) zählen muss.

Die Journailie

Die Massenmedien helfen (natürlich) dem Establishment. Auch Zeitungen, die sich als unabhängig, sogar links bezeichnen, übernehmen – vielleicht aus Schlamperei, vielleicht mit Absicht – die Sprachlichkeit jener, die Griechenland zum exemplarischen Sündenbock der Eurozone machen (wollen).

In der Regel wird nie die Perspektive der Syriza oder die ihrer Abgesandten dargestellt, sondern lediglich das, was deren Verhandlungspartner und ideologischen Gegner über sie aussagen. Oft werden auch nur mit Hörensagen aus dritter Hand die Zeilen gefüllt.
Wenn aber doch einmal Zahlen und Fakten aufgelistet werden, so fehlen meist wesentliche Details, die notwendig sind, um größere Zusammenhänge nachzuvollziehen. Zusammenhänge und logische Schlüsse werden auch dann ausgespart, wenn der eine wichtige Fehler von Seiten der Troika-Institutionen doch gelegentlich zugestanden wird: Die Austeritätspolitik, die Sparmaßnahmen waren falsch. Dass diese immer noch falsch sind, wird nicht weiter gedacht – jedenfalls nicht laut.

Dass Griechenland geforderte Maßnahmen nicht umsetzen kann, solange kein Geld da ist, und kein Geld kommt, solange diese Maßnahmen nicht umgesetzt werden (und das Gegebene für Kredit-Rückzahlungen drauf geht), muss man sich selber denken. Ebenso, dass es sich dabei um einen Teufelskreis handelt. Oder, dass die Schulden Griechenlands niemals abgebaut werden konnten – weder durch die Hilfsgelder, die ja ihrerseits Kredite sind, und noch weniger durch die Sparmaßnahmen – und dass das von Anfang an klar war.
Warum wurde es gebilligt? Darauf gibt der Massenjournalismus keine Antwort.

Lieber füllt man die offiziellen Rahmendaten, die man sich auch auf Wikipedia ansehen könnte, mit unbedeutenden Geschichten über Yanis Varoufakis, sein Outfit, sein Motorrad, sein Auftreten.
Varoufakis hat man überhaupt systematisch zum Feindbild, zur Verkörperung des störrischen Griechens erhoben. Argumentiert wird dies allerdings immer nur mit Fragen des Geschmacks. An seine Inhalte wagt man sich nicht. Die Inhalte der Griech_innen werden ignoriert.

Die ständig wiedergkäuten Äußerungen der Eurogruppe werden hingegen immer wieder als Neuigkeiten verkauft. Mediale Demenz: Das Entgegenkommen von Alexis Tsipras ist am nächsten Tag schon wieder vergessen.
Dennoch blickt man neutral aus dem Fernsehbild und streut so nebenbei ein, dass er die Steuervorteile griechischer Inseln angeblich unangetastet lassen wolle – der böse Grieche. Auch findet man es spannend, dass bei der anstehenden Volksbefragung Nein oder Ja – zum den Sparmaßnahmen – anstatt Ja oder Nein gefragt würde. Über positive Neuerungen, die in Griechenland angedacht und aufgebaut werden, verliert man kein Wort. Geld und Zeit ist aus verständlichen Gründen knapp, der Kampf gegen Steuerbetrug in Griechenland daher mühsam.

Das Lernen von Gestern auf Heute für Morgen scheint nicht möglich zu sein. Man kann die Griechenland-Krise nicht verstehen, ohne ihren Ursprung im globalisierten, neoliberalen Wirtschaftsdogma zu erkennen. Der entfesselte Markt wurde auf das eilig erweiterte Euro-Neuland losgelassen, um etablierten Konzernen und Banken hohe Ab- und Umsätze zu ermöglichen. Die selben Wirtschafts-Blasen, die z.B. in Österreich in die Hypo-Katastrophe führten, sorgten in Griechenland für die Massenpanik der Anleger_innen.
Bis dahin war das Wirtschaftswachstum der „faulen Griechen“ eines der höchsten in ganz Europa. Während die Anhänger des neoliberalen Wirtschaftsdogma, das in die Krise führte, immer noch in den Troika-Institutionen sitzen. Auch das wird nicht in den öffentlichen Gedankenumlauf gebracht.

Selbst meine gleichnahmige Standard-Zeitung lässt sich beim Thema Griechenland auf Boulevard-Niveau herab. Zu den wichtigsten Fragen und Antworten zur Krise zählte sie, was diese für den kommenden Griechenland-Urlaub bedeute und wie viel wer vom Bankomaten abheben könne. Hans Rauscher verglich die Griech_innen heute mit den nationalistischen Serb_innen vor dem Ersten Weltkrieg, die drohten, ganz Europa ins Unglück zu stürzen. Darf er das, weil er ein Linker wäre?
Es wird wohl Zeit – trotz gelegentlicher Stimmen der Vernunft, die es selten auf die erste oder letzte Seite schaffen – mein Abo zu kündigen. Könnte mich bei den Deutschen umsehen. Ausgerechnet dort scheinen sich manche Qualitätsmedien zu besinnen.

Natürlich machten griechische Regierungen in der Vergangenheit schwere Fehler. Gewisse Wirtschaftsakteure und ihre Freunderl in der Politik hatten von diesen „Fehlern“ jedoch auch profitiert. Jetzt die griechische Bevölkerung dafür bluten zu lassen, ist nicht nur moralisch falsch. Das Geld kommt dadurch nicht wieder. Man muss der neuen griechischen Regierung endlich Zeit und Raum zum Handeln geben!

Montag, 22. Juni 2015

Nachtprotokoll 22.Juni.2015: Davontanzen

Dieser Mensch hier
Völlig
Verloren
Alles in Allem
Nichts in Allem
Und alles im Nichts
Schreibend

Wohin?

Das Gefühl eines Stofftiers
In der Hand des Betrachters
Muss Gefallen finden
Im Urwald von Fantasie
Über einen Weg
Zu einer Gerechtigkeit
Weil die Dämonen immer streiten
Und andere Gegenstände
Werden zanckig

Woher?

Ich kann mich an meine Geburt nicht erinnern
An die abstrakten Formen jedoch
Licht unter dem großen Dunkel
Was waren dort die Geschwister
Gefühle in allen Farben
Kräftig wie nie
Und das ist die Wahrheit
Wie Gerüche witternder Pflanzenwelten
Ewig stark im brüderlichen Wind
Der mich stets nachhause nimmt



Wozu?

Die Politik will doch gar nicht
Ich kenne alle Mechanismen
Ich kenne alle Schmähs
So langweilig ist mir
Nicht allerdings
Wenn ich mit den Lieben darüber rede
Mit meiner Tochter über den Flug der Schwalben
Und ich kann mich nicht um alles kümmern
Möchte die Felsen nicht zertrümmern
Will die Menschen
Nicht schlagen
Echten Sieg kennt nur der Frieden

Aber ich bleibe wach
In meiner Vergänglichkeit
In meinem Vergehen
Und bleibe Mensch dabei
Auch gut

Was wäre ich
Wäre ich nicht wütend?
Untod stinkt
Lebendiges Vergehen duftet
Wie der Jahreswandel der Bäume
Schau her
In der Natur steht doch alles
Geschrieben wie ein Bild

Verlerne die Anmaßung der eitlen Religionen
Erlerne die Maßfindung der Wissenschaft
Mehr braucht dein Verstand nicht
Den Rest beschafft dir Liebe
Ja, die Menschen
Wenn sie einmal können

Montag, 15. Juni 2015

Gestorben

Du stirbst
Es ist im Geschehen
Während Du um Liebe wirbst
Kannst Du es einsehen
Du stirbst

Während Du im Leben stehst
Und sehnst und gierst in Lebensnot
Während Du suchen gehst
Dein täglich Brot
Und Däumchen drehst
Du bist schon tot

Schon gestorben
Du atmest noch
Von Liebenden umworben
Sehnend, gierend, essengehend, doch
Schon gestorben

Warum also nicht den Anderen
Noch ein Bisschen Leben lassen?

Dienstag, 9. Juni 2015

Standard-Lesen: Revolution statt "Freiheitliche"

Nein! Nicht alles, was der Schauer schaut, erschaut er in seiner U-Bahnzeitung Der Standard. Aber es lässt sich mit ihr so schön über Themen drüberfliegen.

Beispiel S/FPÖ im vaterländischen Abend- und Burgenland. Da kommentierte ein Bernhard Heinzlmeier, es wäre „höchste Zeit, dass sich die Sozialdemokraten aus der taktischen Geiselhaft durch die zunehmend neoliberale ÖVP befreien.“ Indem sie mit der FPÖ....?!
Ich muss nicht weiterlesen. Die Hypothese ist bereits falsch. Wenn man den braunen Dreck wegkratzt, hinter die rechtspopulistischen Plakate blickt, erkennt man: Die FPÖ ist DIE neoliberale Partei Österreichs (Nein, die Neos verweilen trotz ihres Namens auf Platz 2).

Heute argumentiert hingegen Hans Göttel, dass man vom Ende der Täuschung nicht zu sehr enttäuscht sein solle: Die SPÖ Burgenland hätte sowieso ein faschistoides Erbe und könne sich durch die FPÖ-Partnerschaft nicht mehr hinter dieser verstecken. Soll vermutlich ein Trost sein. Wenigstens ein zynischer. Erfischend.

Überhaupt wird sehr viel übers Rotblau der pannonischen Tiefeben und dessen Bedeutung für den Sitzkomofort Werner Faymanns gegrübelt. Dabei gibt es auch andere Themen.

Z.B: War da der etwas kostspielige Fototermin der G7-Regierungschefs mit der einen, die sich auch farblich ab- und so ins Szene setzte, als wäre sie die Chefin aller: "Sprechblasenautomat (Zitat: Urban Priol?)" Angela Merkel vor bayrischer Naturkulisse und den kollegialen Anzuträgern als Komparsen. Die Medien glauben es ihr. Nicht nur die Bild-Zeitung (deren Plakativität ja bereits im Namen steht), auch der Standard.

CO2-Reduktion? „Bekenntnis zum Zwei-Grad-Ziel.“? Für den Popo!
Erstens ändern sich diese unverbindlichen Bekenntnisse mit den Regierungschef_innen – und Obamas Zeit, als Präsident des zweitgrößten Emittenten, ist bald abgelaufen. Zweitens können keine globalen CO2-Ziele ohne China, Indien  und Russland erreicht werden. Japan ist sowieso gegen alles, was Meer, Luft und Lymphknoten nicht zerstört.

Weiß schon: Eine Tageszeitung muss über solche großen G'schichten dennoch schreiben, als handle es sich um etwas Seriöses. Kein Vorwurf. Außer: „The Sound of Music“ spielt(e) in (meinem) Salzburg! Das muss man dem Internet doch mal erklären.

Beim „Terrorprozess“ fand ich es bemerkenswert, dass man sich nicht nur schuldig, sondern sogar „völlig schuldig“ bekennen kann (zumindest in der Printausgabe). „Ich war nicht Mitglied des IS. Ich war völliges Mitglied!“

Darunter (ebenfalls nur offline) das Bild von verrückten Häusern in Tirol. Im Hintergrund gut zu erkennen: Fichtenmonokulturen in Hanglage. Da nützt auch das junge Schutzwäldchen davor nix mehr.

Zurück zu den Kommentaren. Paul Lendvai schätze ich, weil er noch Hauptsätze mit Nebensätzen geradeaus schreiben kann. Allerdings hat er – auf dem westlichen Auge blind wie er ist - übersehen: Die New-Deal-Bagage mit Blair und Schröder haben das Ende der Sozialdemokratie nicht hinausgezögert. Sie haben ihren Sarg zugenagelt. Mag es auch sein, dass sie darin noch eine Zeit lang am Leben ist... oder war.

Das führt eigentlich zurück zum anfänglichen Thema: Der Neoliberalismus, dessen Folge die Zinsknechtschaft „demokratischer“ Regierungen gegenüber internationalen Konzernen und Banken ist, ist schon lange Teil der europäischen Sozialdemokratie. Oder die sozialdemokratischen Parteien sind längst nicht mehr Teil der Sozialdemokratie. Es braucht daher keine „Freiheitilichen“, um die Sozialdemokratie zu retten. Es braucht Rebellion und Revolution!

Montag, 8. Juni 2015

Offensive gegen Rechts: Heiß in Favoriten

Blaugeärgerte Bürger_innen in der Steiermark. Nicht nur deren amtierendes rot-schwarzes "Reform"-Duo bereitete den Rechtspopulismus für die Freilichen vor.
Dann kam Klo-Addition des Arbeiter_innenverräters Hans Niessl für Abendland, Vaterland und Burgenland. Die FPÖ-Landstraße demonstrierte ihre ablehnende Fehlhaltung gegenüber dem hiesigen Asylquartier - auch vor neuankommenden Flüchtlingen mit Kindern.

Gut verständlich, dass ich auf die Einladung der "Offensive gegen Rechts" folgte und mich am 6.6. um 11:00 Uhr am Reumannplatz einfand, um an der Demo gegen die Demo einiger "Identitären" in Favoriten teilzunehmen - zum Demonstrieren, zum Blockieren, zum Fotografieren. 

Zum Keplerplatz ging's zunächst, wo die Demo offiziell beendet wurde.
Das weitere Blockieren der Faschisten war sommerliches Privatvergnügen.



Ansprachen. Rechtshilfenummer wurde ausgetauscht. Vor Polizei und nah gelegene Neonazi-Höhlen wurde gewarnt. Zusammenbleiben hieß es. Noch einmal Wasser getankt und den Nacken eingecremed. Dann ging's durch die Fußgängerzone. Neugierige Passant_innen ließen sich nur selten stören. Filmten uns.

Manche regten sich über die Polizeisperren auf, die auch den einzigen Trinkbrunnen in der Nähe einschlossen (taktisch?). Einer klagte darüber, dass die Demonstrant_innen auch noch die Umwelt verschmutzten (verlorene Flugblätter?).


Auf der anderen Seite der Sperre, beim vorläufigen, offiziellen Auflösungspunkt der Demo, nahe Keplerplatz, fragte einer, ob wir uns nicht genieren würden, da zu stehen. War aber zuvor so höflich, zu fragen, ob er uns filmen dürfe. Ließ es tatsächlich bleiben. Gegenseitiges Unverständnis.


Ich frage mich, ob irgendjemand von den Einkaufenden, Eisessenden und dort Wohnenden verstand, warum wir da waren? Dass jene "Identitären" - also Menschen, die stolz auf ihre Identitätsstörung sind, sie sogar zur politischen Ideologie verklären - die Feinde jeder Multi-Kulti-Gesellschaft sind, die gerade unsere Demostrecke belebt?

Obwohl: Nanona



Ich arbeite dran.

Spätestens wenn ich Kanzler bin

Vermutlich nicht. Diverse Kampfparolen, Begriffe und Zusammenhänge leuchten allen interessierten Linken selbstverständlich ein. Außenstehenden hingegen schwer. Und das lag nicht nur an der üblichen Demo-Akustik.  

Arbeitsplätze und Hetz-Gesetze. Sozusagen ein ÖVP-Thema im zweifachen Sinn.
Freie Liebe nicht vergessen!


Mit einem meiner Gesprächspartner war ich mir einig, dass in Deutschland vergleichsweise 1) die Polizei weniger eskaliert, 2) antifaschistische Demos von einer größeren Bandbreite der Gesellschaft getragen werden und 3) die Deutschen ihrer Grundrechte eher bewusst sind (von diesem Punkt war jedenfalls ich überzeugt).


Ich weiß nicht, ob, wie vom am Ende heißeren Jockey der Wagenbühne behauptet, die Polizei alle Demonstrant_innen kriminalisieren wollte und ausschließlich vor Ort gewesen wäre, um die Rechten zu schützen und die Linken zu be- und überwachen. Angeblich wurden die Veranstalter_innen oder Mitwirkende von "Offensive gegen Rechts" bereits auf dem Weg zur Demo von Beamt_innen angehalten und/oder schikaniert.


Die Polizei filmte jedenfalls, verkündete es am offiziellen Ende der Demo, als diese erst richtig begann. Polizeihubschrauber, Kamerawagen, schwitzende Polizisten und Polizistinnen in Kampfmontur, Polizeihunde... Taten mir schon leid.
Unterm Helm wäre es zu heiß gewesen, ohne knallte die Sonne auf die schutzlosen Staats-Schützer_innen.


Besonders leid aber tat mir der durchaus sympathische Herr unter der "mobilen Verkehrskamera". Dieser durfte zwar in Zivil und Kurz wachen, wurde aber nicht alle zwei Stunden abgelöst wie seine uniformierten Kolleg_innen. Die trugen übrigens keine schusssicheren Westen drunter, sondern lediglich schlaghemmende, wie ich mir erklären ließ.
Vor Hitze und Schweiß schützt sie nicht - das unnötige Teil. Die Antifaschist_innen waren völlig friedlich.

Die Reihen der Beamt_innen waren bei den Antifaschist_innen in die andere Richtung gekehrt. Muss man auch verstehen. Zahlenmäßig ging das Bedrohungsszenarion eindeutig von den Antifaschist_innen aus.
Ich hätte dem Kameramann beinahe ein Eis gebracht, musste mich aber wieder in Bewegung setzen. Die "Identitären" kamen in der Parallelgasse vorüber. Somit war die große Fußgängerzone bereits erfolgreich blockiert. Quasi.

Jedenfalls von Seiten der Polizei schien diese Route vorausgeplant gewesen zu sein, vor allem die Endstation der Identitären am Reumannplatz. Dort wo der Trinkbrunnen von Anfang an blockiert gewesen, waren es auch bald die Faschisten (und Faschistinnen. Frauen, die sich bewusst mit Gruppen verbünden, die nichts von Gendergerechtigkeit halten, haben allerdings auch kein weiteres Gendern verdient).


Identitätsgestört. Eigentlich könnten die Identitären das ihren Gegner_innen vorwerfen. Aber wer trägt die einheitlich gelb-schwarzen Fahnen, um einander in der Menge nicht zu verlieren?
Angeblich wollten sie ursprünglich weiter zum Verteilerkreis (Altes Landgut). Kann mir allerdings nicht vorstellen, was sie dort gewollt hätten. Die Rechten melden gerne Fakes an. Und umkreisen konnten sie sich ohne Abgase auch von uns lassen.
Jedenfalls wurden sie, nach einigem nutzlosen Verweilen, umringt von friedlichen Antifaschist_innen und schützenden Polizist_innen, von letzteren in die nur einseitig geöffnete U-Bahnstation geführt. Schönes Zeichen. Papa Staat wird's schon richten, das Bild geraderücken: Mit dem Sonderzug zurück in den Keller!

Der schwarze "Block" oder das, was ich dafür halten musste, kam nicht sehr zahlreich und anscheinend ziemlich verspätet. Musste ich annehmen, nachdem ich einen kleinen Umweg machte, weil ich Engpässe zwischen Sperrgittern nicht mag (ich hab schon Probleme mit vollen Rolltreppen).
Die einheitlich in Dunklem eingepackten Hitzschlagkandidat_innen liefen mir beim Zurückkreisen durchs Gassenlabyrinth über den Weg, der dann ein gemeinsamer wurde. An dieser Stelle erneuten Dank an die Polizei für ihre Dienste. Ohne blaulichtige Fahrzeuge mit eindeutigen Fahrtrichtungen, hätte ich meine Antifaschist_innen vermutlich nicht so schnell wieder gefunden.



Die "echten Identitären" trafen übrigens recht früh ein und wurden kurz tatsächlich für die falschen (also die echten) gehalten - am anderen Ende der Polizeisperre beim Keplerplatz.
Außerdem: Was auch immer die Faschisten bei ihrer Demo hatten, wir hatten jedenfalls die beste musikalische Unterstützung dabei - und das in Pink. Diese sorgte - meiner Meinung nach - für das größte Interesse bei den Passant_innen.

"Meine" Antifaschist_innen. Schon tolle Leute. Allerdings fand ich es - wenn auch emotional  nachvollziehbar - nicht in Ordnung, ein paar Identitäre ausgerechnet in einem Junk-Food-Laden zu belagern. Sollten sie dort verhungern? Es war natürlich auch nicht sehr gescheit von den Belagerte, es sich direkt vor Ort, wo es noch von linken Gegendemonstrant_innen wimmelte, gemütlich machen zu wollen.


Oder war es beabsichtigte Provokation? Dann war es dennoch keine kluge Absicht. Genausowenig wie diese Form von psychischer Gewalt von Seiten der Linken. Faschisten neigen zu massiven Angstzuständen! Mag es auch sein, dass die meisten Linken der Neugier wegen herbei eilten: Wie sieht ein Identitärer wohl aus der Nähe aus? Sieht man da Narben? Womit wird die Gehirnprothese eigentlich betrieben? Oder wird sie es überhaupt?

"Wir kriegen euch alle!" ist nicht mein Ausruf. Deshalb nützte ich die wiedergeöffnete U-Bahn und begab mich unter die Dusche.

Jener Brandkörper, der sich auf dem Dach, anscheinend aufs Dach der U-Bahnstation (doch nicht Ströck-Filiale) verirrte, stammte meines Erachtens nicht von den Antifaschist_innen. 1) Ich sah nie Pyrotechnik unter ihnen. 2) Wäre zu nahe an den eigenen Reihen gelandet.

Edit 1: Siehe Bilder-Links im Kommentar von Jonas Reis. Entweder beide Seiten können nicht werfen. Oder "bengalisches Feuer" kam tatsächlich von meinen Mit-Linken? Ich hätte schon einen Verdacht, welche schwarzen Schafe das gewesen sein könnten (Drei Feuerwehrwagen erschienen dennoch etwas übervorsichtig).
Wie auch immer: Interessant, wie die Sichtweise vor Ort von Fotografien abweichen kann - auch wenn ich den Wurf selbst nicht sah.
Ich höre schon hier und da "Photoshop!" schallen. Aber man muss auch Fehler zugeben können. Und Gewalt, auch ihr Versuch, ist immer ein Fehler.

Edit 2: Erfuhr etwas später, dass hingegen die mit dem Zug abtransportierten Indentitären beim Praterstern gewalttätig wurden. Ich muss immer wieder an diesen Ärzte-Song denken: "Schrei nach Liebe".

Mittwoch, 3. Juni 2015

Straches Mythifizierung: Schlagende Worte in allen Medien


Mythischer Strache

Ich will's wirklich wissen: Warum alle, auch „meine“ Medien den Parteichef der freilichen Freiheitlichen, H.C. Strache, den Mythos des Hunnenkönigs umhängen, ihn zum politischen Halbgott verklären.
Das ist nichts Neues. Bei jeder Wahl, bei der die FPÖ dazugewinnt, wird sie öffentlich, auch öffentlich-rechtlich zur Wahlsiegerin erklärt; selbst wenn sie nur auf Platz 3 liegt und im Nachhinein nicht an Regierungen beteiligt wird.

Da wird die Logik der Demokratie dem Dramatik-Effekt geopfert. Strache ist immer interessanter, positiv wie negativ betrachtet, deshalb bekommt er unverdiente Aufmerksamkeit. Die markt-dressierten Affen des Journalismus werfen vor Erregung mit ihren Fekalien um sich. Wagnersche Götterdämmerung! Der Aufstieg des Bösen! Ja, gib uns das, dämonischer Strache! Wir g'spüren uns sonst nicht mehr.

Wer gewann? Und wie?

Nun gewann er tatsächlich 26,76 % der Stimmen in der Steiermark. Wer? Der Mario Kunasek. Noch einmal: Wer? Der Mann, der aussieht wie eine Deix-Karikatur von einem FPÖ-Landeschef der Steiermark. Letzteres ist er tatsächlich.
Gut, den rechtspopulistischen Wahlkampf für ihn führte eigentlich Franz Voves. Dummerweise verwechselte ein vor allem ländlicher Teil der Xenophoben unter den Steirer_innen daraufhin ihren Landeshäuptling und gab seine Stimme gleich dem falschen Retter des Abendlandes. Die Rot-Blau-Schwäche in der Wahrnehmung ist in diesem Fall verständlich.

Dass der Boulevard sogleich das grinsende Antlitz Straches auf die Titelseiten heftete, obwohl der mit dem steirischen Wahlkampf nicht viel zu tun hatte, wundert mich aus genannten Gründen nicht. Strache geilt auf oder provoziert. In jedem Fall eine Win-Win-G'schicht für die pseudojournalistischen Reklameheftchen.

Aber auch in den kultivierteren Zeitungen sah man nicht viel von Kunasek, jedoch auch dort den H.C. persönlich auf dem Vormarsch. „Er“ hätte auch im Burgenland „gewonnen“. Und keine Sau weiß, wie der Freiheitlichen-Landesführer dort heißt. Selbst wenn er dem Niessl dort den verräterischen Kopf verdreht.

Ganz Österreich ist halb leer.

Steiermark und Burgenland würden somit für ganz Österreich sprechen. Fürchtet euch! Wir irren nie. Fast nie.
Dass die FPÖ recht ordentlich im Land des „heiligen“ Haiders verlor – ebenso aus verständlichen Gründen – scheint vergessen. Als dort Peter Kaiser neuer Landeshauptmann wurde, sah und hörte ich jedenfalls nichts vom triumphalen Sieger Werner Faymann. Eben!

Ungepflegte, selbstvergessene Medienwirkung

Die Medien, auch meine, müssen verstehen, dass sie mit dieser negativen wie positiven Umkränzung der poltischen Kunstfigur „Bumsti“/Strache einen enormen Einfluss auf dessen Popularität und die seiner Partei haben. Alle – Freunde wie Feinde – betreiben un/freiwillige PR-Arbeit für den FPÖ-Chef, indem sie ihn größer machen als er ist. Eine politische Blase, die uns irgendwann als antidemokratische Neuauflage von Österreich-Ungarn, die Doppel-Demagogie, im Gesicht zerplatzen wird.

Wie dieser Wahlkampf zeigt, kommt es auf die richtigen Schlagwörter an. Und wer immer wieder (schon im Titel) die Schlagwörter der Rechtpopulisten aussät, wird rechte Wähler_innen ernten. Die Leut können heutzutage schließlich gar nicht mehr mehr lesen, sondern nur noch Schlagworte filtern. Dixi.

Montag, 1. Juni 2015

Blau-Wählen in Österreich: Luftanhalten gegen Blähungen


Meine U-Bahnzeitung heißt Der Standard. Die Chefredakteurin versucht zu trösten. Relativierung: Wer in Österreich protestwählen wolle, der und die wähle eben FPÖ.
Ich weiß den Versuch zu schätzen Frau Föderl-Schmid, aber es hilft nix. Wer aus Protest die FPÖ wählt, ruft auch seine Ex-Freundin um Mitternacht und völlig besoffen an, weil er sich gerade so einsam fühlt. Aber die guten, alten Zeiten kommen nicht wieder. Und peinlich ist es am nächsten Katermorgen auch.

Das parteipolitische Bordell


Tatsächlich geben Menschen ungerne zu, die FPÖ zu wählen oder ihr nahe zu stehen. Als wären die Freiheitlichen das parteipolitische Bordell Österreichs. Dort darf man sich gehen lassen, seinen primitiveren Trieben fröhnen und endlich einmal so richtig Ausländer_innen ficken. Vor denen hat man im Alltag, draußen am Boulevard angeblich eher Angst.

Fremdenhass macht vergesslich


Auch vergessen blaue Wähler_innen in ihrem politischen Alleingelassensein, warum sie einst mit der Ex Schluss machten. Die FPÖ gehört in Sachen Freunderlwirtschaft längst zu den traditionellen Großparteien dieser Wurscht-Republik. Wählt man also die FPÖ aus Protest, dreht man nur das verdammte Rad der Korruption weiter, da sie keine echte Opposition zu den Machenschaften von ÖVP und SPÖ darstellt. Schwarz-Blau unter Schüssel lässt immer noch die U-Ausschüße grüßen – per Mittelfinger.

Der ewige Reigen der dreckigen Drei

So schließt sich der Reigen dieser Drei mit quasi immer denselben Machtkonstellationen. Man patzt sich gegenseitig an, aber deckt einander auch, wo versehentlich der eigene Dreck sichtbar werden könnte. Rot vorne, Blau hinten und Schwarz treibt's mit beiden in der Mitte die keine ist. Und wo kein frischer Wind wehen kann, fängt es an zu modern. Das ist schlecht für Demokratie und „Freiheitlichkeit“.

Die steirische „Reformparnerschaft“ ist ein Bündnis der Augenauswischer, die Zusammenlegung der Gemeinden zumindest teilweise ein Schildbürgerstreich mit proporz-ioneller Machtverteilung. Jener zu erwartende Rechnungshofbericht, wegen dem die Wahl in der nun blauen Mark extra vorverschoben wurde und ein Rechnungprüfer plötzlich einen lukrativen Posten im Ländle bekam, wird dies offenbaren.

Verstanden?

Man könnte annehmen, die blauen Protestwähler_innen hätten das verstanden. Vielleicht haben sie es auch. Wenn man aber statt Pest und Cholera die Syphilis wählt, spricht das nicht für sehr viel Verstand.
Ich kann mich also nicht damit begnügen, dass die Protestpartei in Österreich FPÖ heißt. Aber vermutlich geht es uns noch zu gut für ein Bündnis radikaler Linker.

Im Burgenland zeigt sich lediglich, dass Hans Niessel in der falschen Partei sitzt. Sein Rechtspopulismus hätte in Blau besser funktioniert. Die 6 Prozent, die sich davon angesprochen fühlten, wechselten zum Original dieser Billig-Hetze - denn nicht einmal die nimmt man den Sozis noch ab. Peinlich!

Was kostet Menschlichkeit?

Zu all dem kommentiert Sieglinde Rosenberger eine Standard-Seite davor, was die Gründe für Ablehnung oder Zustimmung von Flüchtlingslagern in einzelnen Gemeinden sind. Während die politische Regung der FPÖ-Wähler_innen vom Unverstand herkommt, entstünde Zustimmung für Asyl, wenn es den Einheimischen als Geschäftsmodell angedreht werden könne. Profitiert die Gemeinde von zweifelsfrei dadurch besser genützte Wohnräumen, durch – wie man das in der Kulturlandschaft gewöhnt ist – staatliche Förderungen, wären die Menschen gerne bereit zur (was kostet?) Menschlichkeit. Grauslich! Ich lern schon mal Schwedisch.