Donnerstag, 31. Juli 2014

Betrifft: "Fall Josef S: Unerträgliche Berichterstattung"

Dieser (unveröffentlichte) Leserbrief ist eine Antwort auf jenen Kommentar (der Anderen) im Standard vom 29-30.Juli.2014. Er antwortete auf diesen Kommentar.


Sehr geehrte Damen und Herren,

Mit dem Titel hat Präsident Miklau Recht. Denn wenn auch nur die Hälfte dessen stimme, was über diesen Fall berichtet wird, sehe ich das „Grundvertrauen der Bevölkerung in die Justiz“ durchaus gefährdet. Aber nicht durch die Medien.
Interessanterweise bezichtigt Miklau niemanden der Falschmeldung. Man solle nur die üblichen Prozesse der Justiz... Ja, was? Kritik hält er ja für wichtig, bestätigt sie am Fall Josef S. sogar.
Allerdings findet er die Rhetorik im Kommentar einer einzigen Journalistin (Petra Struiber) gegenüber anderen Fällen unerträglich. Bläst deren Details zu Elefanten auf. Meint damit den Ball (der „Rekrutierungsprobleme“) an alle kritischen Medien zurückschleudern zu können. Die abenteuerliche Rhetorik des Staatsanwalts scheint er dabei vergessen zu haben.
Wie das die widersprüchliche und dünne „Substanz und Glaubwürdigkeit“ des einen Zeugen gegen Josef S. verbessere? Was das alles überhaupt mit diesem Fall zu tun habe? Vermutlich eh nix. Es handelt sich anscheinend um sophistisches Verteidigungsgeplänkel einer Justiz mit internen Problemen.


Mit freundlichen Grüßen,
Stefan Antonik Seidler

Freitag, 25. Juli 2014

Ein Mann von Almería: Leseproben

An dieser Stelle endlich ein paar Leseproben, die einen kleinen Einblick in meinen Roman "Ein Mann von Almería" bieten, ohne zu viel zu verraten...


1.
Nacht und Erwachen

Die andalusische Nacht starrte auf blassen Kunststoff und zurück starrte ein Clandestino, ein inoffizielles Menschenwesen, mittellos und ohne Dokumente oder Rechte der Provinz Almería, über deren Staub er auf einem Plastiksessel hockte und die Tiefen seiner Erinnerungen maß. Er war einundfünfzig Jahre alt, sein krauses Haar bereits ergraut. Frühreife Falten durchfurchten die Gesichtshaut, die sich ledern über die kantigen Knochen spannte.
Ein Augenpaar: Schwarze Perlen, von feinem, blutrotem Wurzelgeflecht umkränzt, schwammen in dicker Milch. Sie glänzten in tiefen Augenhöhlen, im Schein des nahen Lagerfeuers. Die dürren Finger, der von starken Adern durchzogenen Hand, verkrampften sich an den runden Plastiklehnen.
Ein befremdender Gedanke ließ den Mann aufhorchen und erahnen, dass diese schmerzenden Augen und Hände ihm selbst gehörten. Dennoch fühlte er sie weit von sich entfernt.
Doch wessen waren diese langen schweren Beine, deren Füße in ausgetretenen Sandalen endeten, deren Knochen und Gelenke unzählige Meilen einen sorgenvoll hoffenden Kopf getragen hatten. Die ihn so weit geschleppt hatten, um in Südspanien angekommen und abgenützt allmählich zu verwittern; umringt von den buckligen Bauten aus Karton, Plastik und Draht, aus dem dieses Lager der irregulär Eingewanderten bestand?
Jenseits der gewaltigen Sahara, mit ihren stäubenden Dünen im brennenden Wind lag Finsternis und die Fußspuren, die durch sie geführt hatten, waren längst verweht. Irgendwo waren auch die bis dahin nutzlosen Papiere zu dieser Person verloren gegangen, etwa zu der Zeit, als sie das Meer bereits hatte wittern können.
Hinter diesem Meer, das der Mann überwunden, lag ein Grenzwall, den er damals mit letzten Kräften erklommen hatte und es erschien ihm nun, als ob dessen Stahldrahtgeflecht, gekrönt und ummantelt von künstlichem Messergestrüpp, seinem Gedächtnis den Rückblick verwehrte.

Er richtete seinen inneren Sinn ganz auf den stählernen Vorhang, doch blieb dahinter alles unkenntlich; dort, wo ein anderes Ich desselben Mannes in den Klingen hängen geblieben sein musste, der nun inmitten riesiger Plantagenfelder festsaß und dem das Erinnern eine unerträgliche Anstrengung bereitete.
(...)


2. Lauf mein Kind 

(...)
Sancho war fünfundzwanzig Jahre alt, lebte in einem beliebigen Örtchen Andalusiens bei seiner Mutter in einer Betonschachtel und war süchtig nach Computerspielen. Sein Geld hatte er üblicherweise als Gelegenheitsarbeiter verdient, Ziegelsteine und Kabel schleppend auf den Baustellen anderer Betonschachteln, die als gleichförmige, weiße Bauklötze unterschiedlicher Größen über dem Land verstreut wucherten. Manchmal hatte er auch einem guten Bekannten geholfen, die Kundschaft für dessen Webdesign-Firma abzufertigen.
Als das Immobilienblasenplatzen auch in Spanien den Schaumteppich in den Sektgläsern zahlreicher Investorenabhängiger zum versiegen brachte, verlor er zwar seine Teilzeitarbeitslosigkeit, wurde aber dennoch nicht ganz unbeschäftigt.
Die Gewinne mit Krediten auf Kredite, die mit Krediten auf andere Kredite finanziert wurden, waren stets erstaunlich vielversprechend. Doch war irgendjemand bei der ganzen Sache nervös geworden.
Dieser Trottel war außerdem auf die äußerst dreiste Idee gekommen, einmal nachzufragen: Wie viel waren die Immobilen, die man in großer Eile aus den Küstengründen Spaniens herausgepresst hatte, wirklich wert? Und hatte man diese durch den Kredit auf einen Kredit, der mit einem Kredit auf einen anderen Kredit erworben war, grundsolide finanziert?
Ernüchterung führt zwar meistens zu Kopfschmerzen, doch in diesem Fall hatte sich der Fragende eine Alkoholvergiftung eingefangen und war auf der Intensivstation wieder erwacht. Er hatte sich selbst aus einem wunderschönen Traum geweckt.
Sanchos Träume waren mittlerweile zu neunundachtzig Prozent von der World of Warjoy erfüllt und diese konnten so bald nicht platzen, solange der Empfänger des Internets warm blieb und Mama die Rechnungen zahlte.
Die restlichen elf Prozent des sanchoschen Traumgeschehens wurden von Alltagsverarbeitung ausgefüllt: Den abstrakten Wiedererscheinungen beinahe zweckloser Jobsuche und ausdauerndem Weinkonsums. 
(...)


9. Clubzwänge und Nachtwege

(...)
Die lange, silbrig glitzernde Dame hatte in der zwischenzeitlichen Abwesenheit ihres widerstreitenden, geleckten Liebhabers und Zuhälters beschlossen, ebenfalls in die Dunkelheit der Nacht zu entschwinden. Ihr Name war Anja „Tall“ Titowa.
Was sie am meisten an ihrem Partner hasste, war, neben seiner unberechenbaren Gewalttätigkeit, die sporadisch auch sie traf, dass er ein gewaltiger Trottel war. Die schmale, violette Schwellung unter ihrem Auge schmerzte nicht mehr, verschwand mit ihr im Schatten des Hinterhofs. Dennoch störte ein solcher, schwer zu überdeckende Makel in ihrem länglich schmalen Gesicht bei ihrer Arbeit und damit ihr Einkommen.
Mit seinen spontanen Faust-Eskalationen behinderte er schließlich sein eigenes, ihr gemeinsames Geschäft. Sei es beim Tanz, bei gewissen Freiern, die er seine „besonderen Freunde“ nannte oder der gelegentlichen Porno-Heimarbeit, die sie selbstständig übers Internet vertrieb.
Ihr nunmehriger Exfreund hatte von digitaler Arbeit und Verwaltung keine Ahnung. Sie überließ ihm das kassieren, musste es, dann hatte sie manchmal ihre Ruhe.
Je mehr sie nun, da sie ihm entfloh, über ihn nachdachte, umso größer wurde ihre Wut darüber, was für ein schmerzhaft plumper Idiot der Kerl war. Noch wütender wurde sie über die Idiotin, die sie selbst war.
Nun passierte sie jedoch den grünen Schimmer des Notausganges, den letzten Anblick jener heruntergekommenen, höchst renovierungsbedürftigen Bar, in der sie die letzten zwei Jahre ihres gedroschenen Lebens zugebracht hatte. Sie warf keinen Blick zurück. Sie wollte nicht zur Salzsäule erstarren.
(...)


27. Ertragen, düster und klar

(...)
Sehr geehrter Herr Kollege! Wir wollen doch hier keine Tiefenpsychologie strapazieren. Wir sind beide keine Therapeuten.”
Sehr geehrter Herr Kollege, meine Frage führt zu einem entscheidenden Punkt...”
Herr Kollege, das Wesentliche ist doch, dass dieser Mann nicht ist, was er vorgibt...”
Don Carmesi hatten das Bild zweier Fabeltiere vor sich, einen Geier und eine Krähe in Anzügen. Sie stritten miteinander um Hackordnung, um Fressordnung. Es war sein Körper, alles Oberflächliche seiner Erscheinung, seines Klangs, den die beiden fälschlicherweise für Aas hielten.
Daher wurde es Zeit, sich zu rühren und den beiden Vögeln Manieren beizubringen. Die Expertin zu seiner Linken versuchte es mit zögerlichem Räuspern und Handheben. Doch der Don schlug mit der Faust auf die Tafelrunde.
“Ihr Kerle solltet euch und eure Zungen hüten!”, rief er, mit noch wohlgezügelter Stimme. Die Angerufenen wandten sich ihm zu, mit professionell freudigem Gegaffe. 
(...)

The Neverending Poem

Everyone's a nazi
Now and than
The words are spilled so easily
Catch them if you can

Everyone's a pussy
Even when they have a dick
Transgendered for indignity
That can't be the trick

Everyone's a fool
Please get in the line
Of all the other fools
We got all of humanities time

Everyone's a slaver
At least in our dreams and hopes
Sometimes you don't know
If you truss or hand the ropes

Everyone's an ashole
And you are certainly one
If you think in your life as a whole
That you are none

Everyone's a liar
Towards ourselves mostly
Sometimes the stakes are higher
But the game is the same eventually

Everyone wants to be the one
And if others take the win
Are first to cast the first stone
We yell that it's a sin

Everyone can change the world
So the advertising says
But dice and spears are hurled
I rather change our coming ways

Samstag, 19. Juli 2014

Horch, die Stunden

Horch, die Stunden
Sind gezählt wie die Sterne
Am Himmel über jenen Bergen
In der so nahen Ferne

Ein Atemzug nur
Stillender Wälder, dampfender Wiesen
Schon folgt ein Wort mir stur
Wohin sich meine Finger niederließen

Des Himmels Atem folgt mir
Des hohen und weiten, des heimatlichen
Im Zwielicht, durch unsere alte Holztür
Die ist schon lange neuem Kunststoff gewichen

Er kühlt mir des Sommers Nacht
Mit natürlicher Güte, gebotener Stille
Während die große Stadt tagerhitzt wacht
Ruht mein Kopf auf ländlicher Fülle

An meiner hohen Zimmerdecke
Unerschaut ein Orchester lässt sich nieder
Kleine Musikantiere in jeder Ecke
Proben, ohne Führung, ihre leisen, sanften Lieder

Das grausame Parfümieren der Städter
Wird vertrieben durch atmendes Grün
Ich nehme tief Luft für später
Bald wird der Asphalt wieder glühen

Ohne das stete, grüne Weben
Selbst der heimelige Stahlbeton
Wäre nichts dem wachen Leben
Wenig nur dem heimkehrenden Sohn

Horch, die Stunden
Im Efeukleid über der weißen Mauer
Die Sterne spendieren ihre Runden
Und mein Atem ist nicht von Dauer

Dienstag, 15. Juli 2014

800 gegen Binnen-I: Nur ein Schmäh

Als bekennendes Feindbild muss ich ausholen

800 Personen unterschrieben also ein Aufbegehren gegen das tyrannische "Binnen-I" (TyrannInnen), das in Österreich in offiziellen Schreiben verpflichtend ist, wenn von Männlichem und Weiblichem gesprochen wird. Kann ich zu einem geringfügigen Teil verstehen: Auch ich bevorzuge den Binnen-Unterstrich (Tyrann_innen).

Leider meinten jene Persönlichkeiten aus Wissenschaft bzw. Österreichischem Uni-Professorentum (eine Spezies für sich), Literatur und Journalistik etwas ganz anderes: "Ein minimaler Prozentsatz kämpferischer Sprachfeministinnen darf nicht länger der nahezu 90-prozentigen Mehrheit der Staatsbürger ihren Willen aufzwingen." Hört sich nicht sehr intellektuell an, eher nach billigem Populismus.
Erster Fehler: Es müsste Sprachfeminist_innen schreiben. Da die Verfasser_innen nicht zu wissen scheinen, dass es auch (Sprach-)Feministen gibt, unterschätzen sie die Zahl von uns blöden "Frauenversteher" vermutlich völlig.

Ich muss gestehen, ich kenne die Unterzeichner_innen nicht alle und alle die ich kenne... Naja... Ich will ja keinen Streit. Ich suche zu vermitteln und nach einem Bisserl Vernunft in den ganzen Bahö.

800 Elitäre feiern 100 Jahre "Petition der 93"

Diesen will ich keine Konflikt-Geilheit vorwerfen. Aber dass die Ratio nicht unbedingt wie in einer Regentonne der Gescheitheit zusammen rinnt, nur weil es viele gescheite Köpfe stürmt, hat sich schon vor fast genau 100 Jahren (ab September) gezeigt. Damals unterzeichnete die geistige Elite der Deutschsprachigkeit mit dem "Aufruf an die Kulturwelt", dass der Militarismus ein legitimer Teil der Deutschen Kultur wäre. Eh nicht mehr. Nur drei Personen unterschrieben einen "Aufruf an die Europäer", der sich dagegen richtete (unter ihnen Albert Einstein).

Interessantes Timing! Auch, weil erst vor Kurzem ein mir nicht näher bekannter Schlagersänger meine Tochter in der Bundeshymne vergaß. Daraufhin machte die Bildungsministerin (eine ausgebildete Lehrerin) - wie es ihre Aufgabe ist - jenen Barden der Bildungsfernen auf seinen Fehler aufmerksam und wurde daraufhin mit einem so genannten "Shit-Storm" bedacht - also mit Empörungsäußerungen von Personen die nur Scheiße im Kopf haben.

Wer wird denn Böses denken?

Ich nehme doch nicht an, dass Uni-Professoren diesen günstigen Zeitpunkt wählten, um eine neo-konservative, politische Agenda gegen frauenrechtliche Fortschritte zu starten. Vor allem: Nur im offiziellen Schriftverkehr ist das Binnen-I geboten. Warum sollte es die Massen kümmern (weil ihnen fad im Schädel  ist)?

Als sachliche Kritik an den Richtlinien für Textgestaltung lässt sich das ganze auch nicht bezeichnen. Die Feindbild-Bildung gegen Feminist_innen will ich nicht ernst nehmen. Und sicherlich wissen all die gescheiten Unterzeichner_innen, dass der Vorschlag, man könne doch Weibliches und Männliches ausschreiben, darin enden würde, dass wieder nur die (alten) Herren der neokonservativen Sprachschöpfung in selbiger Erwähnung fänden. 

Alles nur ein Schmäh

Daher bin ich mir sicher: Das ganze ist nur ein raffinierter, feingeistiger, intelligenter, doppelbödiger Schmäh, ein Witz, um an den elitären Unsinn von 1914 zu erinnern. Damals kämpften die Geistes- und Kultur-Eliten gegen den Pazifismus. Heute drohen uns keine imperialen Konkurrenten, nur der böse Feminismus.

Nachdem ich zuende gelacht habe, muss ich weiter in der Küche machen. Brate gerade Palatschinken für meine Tochter, während meine Freundin zu arbeiten hat. Ich bin nämlich ein Feindbild. Und ich beisse. Also Vorsicht!

Donnerstag, 10. Juli 2014

Heimat bist du kleingeistiger Männer

Die Rache der Burka...

…besteht in ihrer entlarvenden Wirkung auf die Unverhüllten. Ironisch. Kaum verbietet Frankreich die Ganzkörperverschleierung, will der grüne und österreichische Sarrazin, Efgani Dönmez, Burkaträgerinnen in Österreich die Sozialleistungen streichen. Peter Pilz möchte sie zumindest nicht im öffentlichen Dienst sehen. Was so sinnvoll ist, wie ein Beteiligungsverbot der österreichischen Nationalmannschaft an einer Fußball-WM. Oder ein Führerscheingebot für Taxifahrer_innen.

Die Grünen grünen gar nicht so grün in der Sommerpause. Die anderen Rechtsradikalen begnügen sich damit, die Thematik auf ihre sexuellen Bedürfnisse zu reduzieren. Sowohl „die Integrativen“, pardon, „die Identitären“ als auch die FPÖ finden gewisse Blondinen „Zu schön für einen Schleier“: Eine mehrfache Themenverfehlung.

Ein Symbol und nicht mehr

Die Burka ist gewiss ein Symbol des extremen politisierten Islamismus und der Unterdrückung der Frauen in deren Unkulturkreisen. Aber kann man dieses Vorurteil gegenüber dem Symbolischen zweifelsfrei für jede einzelne Burkaträgerin oder anders verschleierte Muslimas nachweisen?
Freilich nicht. Das Problem ist, dass es in dieser öffentlichen „Deppate“ nicht um zu Beweisendes, nicht um Fakten geht – schon gar nicht um Gerechtigkeit oder Vernunft.
Die Vernunft hat Österreich schon längst verlassen, weil sie nur in einem Rechtsstaat zuhause sein kann; und wie der Fall Josef S. (auch hier!) beweist (und zwar weit besser, als die Staatsanwaltschaft irgendwas beweisen kann), ist die Alpenrepublik das nicht mehr.

Gleiches Unrecht für alle?

Würde man aber Burkas auch hierzulande verbieten, dürfte man damit nicht aufhören. Die Logik der Gerechtigkeit würde gebieten: Sämtliche sexistisch determinierte Trachten, die als politisiertes Religionssymbol taugen, müssten aus der Öffentlichkeit verbannt werden – bis hin zur Hijab. Zudem müsste man die Beschneidung von muslimischen und jüdischen Buben verbieten, aber beispielsweise auch das Tragen sämtlicher christlicher Ordenstrachten (keine Groß-Religion ist unpolitisch).
Und warum nicht auch Tätowierungen und Intimpiercings bei Männern und Frauen? Schließlich besteht die Möglichkeit, dass die Betroffenen sich diese Körperverletzungen lediglich aufgrund eines gesellschaftlichen Drucks zufügten.
 Aber ein Unrecht zeichnet sich nun einmal dadurch aus, dass es nicht für alle gilt.Ansonsten wäre es am effektivsten, wir würden alle in Uniformen herumlaufen und das Privatleben aller Bürger_innen überwachen, um jegliche Nötigung zu verhindern.
Aber keine Sorge: Es geht ja nicht um den Schutz von Frauen vor pseudo-religiös begründeter Unterdrückung; es geht nicht um aufklärerisch feministische Befreiung. Davon haben die Herren der Regierungskollision so viel Ahnung wie Eva Glawischnig von der Selbstzerstörung ihrer Partei durch hirnlose Quoten-Schönlinge (der Dönmez ist ja nicht der einzige).
Würde es darum gehen, würde man nicht „Opfer“ bestrafen wollen, nur weil sie Opfer sind. Man würde nicht das Symbol oder Symptom bekämpfen, sondern Hilfe und Schutz für betroffene Frauen, Aufklärungsarbeit für die gesamte Gesellschaft anbieten. Aber in dieser Hinsicht ist Österreich eher ignorant und rückschrittlich, was andere gemütlich konservativ nennen mögen.

Minderheiten-Bashing

In Wirklichkeit geht es um Minderheiten-Bashing: Ein beliebtes und billiges Mittel menschlich untoter und verkommener Politik-Huren. Und Burkaträgerinnen sind in Österreich gewiss die kleinste Minderheit von allen.
An denen können sich die talent- und hodenlosen eierlosen Feiglinge der Berufspolitik leicht vergreifen. Als hätten diese Frauen nicht schon Probleme genug. Und das Volk lässt sie machen. Schließlich betrifft die testosterongestgeuerte Primitivität keine der größeren Minderheiten – außer der „Minderheit Frau" im Allgemeinen natürlich.

Das Leid der Frauen und ihrer Sympathisanten

Diese müssen zusehen, wie die Koalitionsherren lediglich einen Hahn und keine einzige Henne für die EU-Kommission nominieren, obwohl Frauen dort fehlen und von Kommissions-HauptmannJean-Claude Juncker selbst angefordert werden.
Sie müssen miterleben, wie die beiden männlichen Präsidenten dieser Republik, Fischer und Leitl, ihrem diktatorischen Amtskollegen in den Arsch kriechen, obwohl dieser doch homophob ist.
Sie müssen lesen, wie die zwei männlichen Club-Chefs versuchen, vor aller Augen die Demokratie zu demolieren, indem sie Journalist_innen für das Verwenden von zugespielten Informationen bestrafen wollen. Zwar zogen diese beiden Möchtegern-Verschwörer ihren Vorschlag nach den ersten öffentlichen Empörungen zurück, aber ihr Ungeist bleibt dennoch Bestandteil dieser Regierung.

Auch eine Frage des Geschmacks

Letztens, aber nicht allerletztens mussten Frauen jenen Gabalier mitanhören. Die Glücklicheren mussten nur von ihm hören, wie er die mühsam errungenen „Töchter“ aus der Bundeshymne warf.
Natürlich kann er sich das erlauben. Er hat viele weibliche Fans. Und die Sklavenmentalität jener Frauen, die sich freiwillig seine Musik antun – es besteht hierbei der selbe Verdacht des sozialpsychologischen Zwanges wie bei den Burkaträgerinnen – zeigt, dass Feminismus eine Notwendigkeit für die gesamte, auch die männliche Gesellschaft ist.

Er ist eine Frage grundelegender Bereitschaft und Fähigkeit zur Vernunft. Er ist offenbar auch eine Frage des Musikgeschmacks (ich halte im Übrigen die gesamte Hymne für auszutauschen – und doch leider irgendwie für passend für das lahmarschige Österreich. Ich sage nur, wer diese Hymne vor einem Länderspiel zu singen oder summen hat, muss einfach verlieren).

Es ist und bleibt etwas Persönliches

Zum Schluss möchte ich noch anmerken, dass ich eine Tochter habe. Dieses Land ist auch ihr Land. Und eine Große ist sie auch (schon). Wenn also irgendwer sie aus ihrer Staatshymne streichen will, muss er sich mit ihrem Papa anlegen – und zwar persönlich. Mal sehen, ob so manche reaktionären Frauenfeinde dann immer noch so ein großes Maul haben.

Das Buch Monis: Erste Auszüge

Nachdem ich unlängst mein neuestes Projekt "Das Buch Monis" hier vorstellte, liefere ich heute die ersten Textauszüge:

„Sie konnte so fassungslos traurig und zornig werden, wenn wir über die Probleme in der Welt redeten, über Politik und den ganzen Mist.“, erinnerte sich Alex. 
„Sie war großartig.“, fasste es Bibi leise zusammen und die anderen bejahten es laut. Sie verkündete außerdem, heute unbedingt noch mehr trinken zu wollen. Sie wäre noch nicht ansatzweise betrunken genug für einen solchen Tag.
Alex wollte mitmachen. Daphne erinnerte an ihre kleine Tochter, die jede genussvolle Katerstimmung nicht nur verunmöglichte, sondern ebenso erbarmungslos bestrafte.
„Meine bessere Hälfte hat bestimmt trotzdem genug Bier eingekühlt“, versprach sie. Und Bibi gab ihren Geheimplan preis: Sie hätte bei ihren Eltern den Besten Wodka gelagert. Dazu gebe es den nicht unbedingt besten Apfelsaft. „So wie es Moni liebte, damit wir gebührend auf sie anstossend können.“
Daphne versprach, den anderen nichts zu verraten. Alex musste zunächst seinen üblichen Schmimpf losweren: Man könne den Besten Wodka nicht mit Apfelsaft versauen.
Bald darauf hielt Daphne ihren Familien-Van an der Bushaltestelle vor der alten Siebzigerjahre-Neubausiedlung am Rande der Kleinstadt. Der Platzregen war einem sanften Nieseln gewichen. Alex und Bibi mussten hier raus, verabschiedeten sich und schlenderten Arm in Arm ihren jeweiligen Elternhäusern entgegen.
Da waren wieder diese Gerüche aus ihrer Kindheit: Die sommerlich-süß faulenden Blüten unbekannter Herkunft, eine Spur frisch geschnittenen Rasens, das seit Jahrzehnten gleiche Reininungsmittelaroma.
Sie kamen am Stahlbeton-Bungalow der netten Frau Maurer vorbei, die dort seit Anbeginn ihrer Welt gewohnt hatte, jedoch Anfang dieses Jahres verstorben war. Deshalb fiel es Alex wieder ein: „Ich glaube, wir werden alt.“
Bibi stieß ihm sofort mit dem Ellenbogen in die Rippen: „Nein! Nicht das schon wieder, mein lieber Kauz! Heute nicht! Nicht heute, hörst du?“
Alex ergab sich, nickte und behielt seine aufsteigende Melancholie für sich, während er sich am kreisrunden Plätzchen, in der Mitte der Wohnanlage, von B verabschiedete.
Sie nahm plötzlich seinen Kopf in beide Hände, schaute ihm tief in die Augen, sodass es ihn wundervoll schauderte, und sie sprach mit viel Gewicht auf jedem Wort: „Heute trauern wir nicht nur. Wir feiern heute auch das Leben. Das Leben das Moni hatte, das uns einmal so viel bedeutet hat.“
Er nickte: „Bis dann, meine liebe Käuzin.“

"Auf dem Weg zum Schlafzimmer kam er an einem Bild Monis vorüber. Es war eine große Schwarzweißaufnahme aus ihm unbekannter Zeit, offenbar Sommer. Verpasste ihm einen kurzen, harten Schmerz in der Brust. Er hatte bei sich zuhause kein schönes, gerahmtes Foto von ihr an der Wand hängen. 
Nur eine etwas zerknitterte, unscharfe Fotografie von Moni und ihm, auf der sie rauchend auf einem Spielplatzgerüst saßen, steckte an seiner Pinnwand über seinem chronisch unaufgeräumten Schreibtisch – in der verstaubten Großstadt, die im Augenblick ein Jahrzehnt weit weg erschien.
Daphne öffnete vorsichtig die Tür. Ein angenehmer Geruch schlich ihnen entgegen. Die Luft wurde wärmer. Und in einem kleinen Beistellbett, neben dem elterlichen, regten sich aschblonde Locken im Windhauch.
Der gelbe Strampler hob und senkte sich sichtbar mit dem lautlosen Atem des Kindes. Lange Wimpern verschlossen die kleinen Augen. Der Schnuller hing schräg im Mundwinkel.
As Blut stieg empor in seinen Kopf wie ein Adler der zur Sonne abhebt. Er bemerkte sein eigenes Lächeln nicht, es floss wie geschmolzene Butter über sein Gesicht.
Der Mutter entging es nicht. Sie neckte ihn, als sie die zweite Türe wieder behutsam schlossen: „Ich glaube, deine biologische Uhr tickt.“
„Das ist mindestens sexistisch.“, wollte er schon seit einer ganzen Weile sagen, „Auch Männer können kleine Kinder einfach nur süß finden. Das ist ganz natürlich.“
„Ich hab auch nicht gesagt, dass deine biologische Uhr etwas Unnatürliches ist.“ Damit machte sie seinen Witz schweigend. Er sah Bibi mit Konrad am Balkoon und bekam Durst.
Bierflaschen wurden mit dem Feuerzeug geöffnet. Rauchen wäre nur draußen erlaubt. Das hatte sich also geändert."

Do Not Escalate Gaza (Masters of Understatement)


Und auch längst überfällig an dieser Stelle:








Mittwoch, 9. Juli 2014

Neues Projekt: Das Buch Monis

Stefan Antonik Seidler  präsentiert hier und damit Das Buch Monis“, eine Erzählung: 
Ein Selbstmord, eine Clique, eine alte Heimat, eine neue Liebschaft und jenes Buch, das alle vor ein Rätsel stellt und durch eine fantastische Gedankenwelt ihrer gegangenen Freundin führtdurch ihrer Freundschaft Vergangenheit und vielleicht zu einer Idee, wohin das Übrige noch gehen könnte.

Erste Leseproben: Hier!


Liebe Interessensgemeinde!

Mehr als fünf Jahre lang schrieb ich an meinem ersten Roman „EinMann von Almería“, der schon aufgrund seiner Länge bisher keinen klassischen Verlag – und klassisch schlägt mich mein Hirn – zu finden vermochte.
Nun erlaube ich mir, euch über ein neues Projekt zu informieren. Gekürzt und gewürzt, mit naheliegender Handlung und kurzweiligen Satzbildern präsentiere ich Ihnen: „Das Buch Monis“ - eine Erzählung:



Worum geht’s?

Moni ist tot. Ihre alte Clique trifft sich in der Kleinstadt ihrer gemeinsamen Jugend. Die Szenerie ist der Alpenheimat des Autors im wahrsten Wortsinn nachempfunden.

Schon während der Trauerfeierlichkeiten mischt sich der Abschied von der selbstermordeten Freundin mit dem Abschied von der wieder erinnerten Vergangenheit, von den Nachwirkungen der Jugend, der verhältnismäßigen Unbeschwertheit, die sich endgültig auflöst. Zugleich reflektieren die 30-Plus-Protagonistinnen, wie vom Inneren einer Zeitblase aus, ihren gegenwärtigen Alltag.
Die alte Heimat, die wiederkehrenden Gerüche aus Kindheit und Jugendzeit, der Bach mit den Weiden und dieser eigenwillige Wind wecken Vergessenes wieder. Alex und Bibi, die sich im großstädtischen Exil kaum noch sehen, kommen sich in der Vorortlichkeit zum Arsch der Welt wieder näher.
Und Alex findet jenes Buch, das Buch Monis. Damit beginnt auch das erneute Rätseln über ihren Freitod. Denn während sich in den Seiten ihrer Hinterlassenschaft eine Moni präsentiert, die nicht einmal ihre alten Freundinnen so richtig zu kennen scheinen; die ihnen einen lebensfrohen und farbenlustigen Kosmos abenteuerlicher Fantasie offenbart, verblasen zugleich die denkbaren Ursachen, die ihnen das Vertraute, die Gewohnheit, die trägen Vorurteile einredeten.Die Moni, die sie zu kennen glaubten, war vielleicht nicht so verloren und unglücklich, wie sie stets befürchtet hatten. Ihre endlich vollendete Geschlechtsumwandlung, ihre Einsamkeit, die finanzielle und gesellschaftliche Last des letzten Jahrzehnts waren womöglich nicht der Hauptgrund für ihren Suizid.
Wo aber blieb die unbeugsame Kämpferin, von der sie in Monis Buch lesen können? Und wo sind die Abenteurerinnen geblieben, die ihre Freundinnen einst in sich selbst zu erkennen glaubten?



Persönliches

In dieser Erzählung verwurste ich sicherlich die eigenen Sorgen und Bedenken: Über Dreißig, dem eigenen Alltag in der Großstadt ausgeliefert, das unbeschwerte Spiel der Fantasie in der Pseudoidylle einer Kleinstadt vermissend; etwas also vermissend, das ich natürlich nie vollendet auslebte. Selbst schuld, eigentlich.
Es ist trotzdem ein Vergnügen, an diesem Buch zu schreiben. Zugleich muss ich mir eingestehen, dass ich das Lesevergnügen des Publikums nicht vergessen darf; dass ich die Schreiberei verkaufen muss. Verdammtes Marketing! Oje! Zuerst das Vergnügen, dann die Arbeit.
Dieses Werk – derzeit noch unter seinem Arbeitstitel und gewiss nicht 100 Normseiten überschreibend – ist ein neuer Ansatz: Ich versuche, meinen genüsslich neurotischen Schreibzwang und die inspirierenden Themen in eine Form zu bringen, die sich ungezwungen leichtgewichtig und amüsant lesen lässt.


So viel dazu

Sollten Sie Interesse an diesem Projekt haben – das im Gegensatz zu meinem Roman noch nicht fertiggestellt ist – schicke ich Ihnen gerne die ersten Kapitel als Leseprobe. Natürlich können Sie sich auch über meine Internetpräsenz informieren, welche Fortschritte ich mache und welche anderen Werke ich anbiete.

http://derschauer.blogspot.co.at/
https://www.facebook.com/stefan.antonikseidler
https://twitter.com/AntonikSeidler



Montag, 7. Juli 2014

Nur unser Leben

Im Sommer ist der Nichtraucherschutzraum der frischen Luft des rauchenden Gastgarten ausgeliefert. Die Fenster stehen großzügig.
Und wie biegsam ist doch das Menschengenick, ehe es bricht; so schnell löscht sich darin aus das ganze Menschengetier. Sein Wesen geht dahin.
Länger als manches Mensch zu atmen vermag, wächst der große Baum in all seiner Schönheit heran. Und mit ein wenig Menschenkraft und Stahl an seinem Stamm ist er in wenigen Atemzügen schon gefällt.
Wie rasch und kurz verraucht sich dieser Stengel, wie schnell verweht die heiße Luft? Was lange gedieh und von schwitzenden Händen der von Pestiziden verheerten Körpern unter der erbarmungslosen Sonne allen Lebens und der gnadenvollen Sonne allen Todes erschuftet wurde; was ganze Völker ihres Raumes, ihres Bodens, ihrer Atemluft beraubte; was bis zum erbärmlichen Ende in den fetten Zellen giftet – viel zu eilig wird, was in langer Lebenszeit entsteht, im engen Lebensraum verbrannt.

Nicht die Zeit schlagen wir uns tot, nur unser Leben.  

Samstag, 5. Juli 2014

Scheiß-Fliegen

Öffne den Mund
Und verschlucke die Fliegen
Der Sturm ist gesund
Der Sturm weht wild
Das kann nicht an der Scheiße liegen

Männer verbieten das Gewebe
Das ihre Herrschaft über Frauen legt
Und wohin sie auch strebe
Und sobald sie sich erhebe
Frau allein wird mit Strafe belegt

Die Scheiße ist schon lange verweht
Vom letzten Storm in den Netzwerken
Nur die Scheiße in den Köpfen besteht
Und ehe sie vergeht
Müssen Menschen bemerken
Berufspolitik ist und bleibt ein verlogenes Werken

Mittwoch, 2. Juli 2014

B(l)ÖD? Österreich soll Österreichisch lernen

Ein weiterer Standard-Artikel der mich heute beschäftigte, ist das Kommentar dieser Anderen: Leo Heinz Kretzenbacher und Rudolf Muhr. Sie nehmen die vom Österreichischen Unterrichtsministerium Broschüre „Das österreichische Deutsch als Bildungs- und Unterrichtssprache“ (BÖD) auseinander, filitieren sie fachgerecht.

http://derstandard.at/2000002553151/Deutsch-fuer-Inlaender

Wenn man nicht gerade Sprachwissenschaftler_in ist, fragt man sich vielleicht, was die Aufregung überhaupt soll. Stirbt das Österreichische Deutsch aus, ist es in Gefahr? Ist es notwendig, Schüler_innen Kompetenzen im eigenen Dialekt mitzugeben?

Die wunderbare Vielfalt der Sprache

Ich bin der Erste, der die wunderbare Vielfalt der Sprache zu schätzen weiß, aber auch, dass sie sich selten im gedruckten Wort wiederfindet. Der Büchermarkt ist ein Einheitsbrei aus unterschiedlich kombinierten Floskeln; genauso wie Magazine, Zeitschriften und Zeitungen. Fad.

Nur im mündlich überlieferten Wort erhält jede Region seine typische, identifizierende Eigensprache. Daran wird auch die Schule nichts ändern können. Besser gesagt: Der Hochdeutsche-Deutschunterricht hat nach meinem Hinhören die jeweiligen Dialekte kaum verringert - Österreichische Lehrer_innen sprechen nicht dialektfrei – und um nichts anderes scheint es mir zu gehen, wenn man vom „Österreichischen Deutsch“ spricht.

Unklarheiten bleiben

Verwirrend ist auch die Unklarheit, ob das „Schweizer Deutsch“ eine eigene Sprache, das „Österreisch Deutsch“ hingegen mehr als österreichische(r) Dialekt(e) und das „Deutschländische Deusch“ das hoch-offizielle Duden-Deutsch ausschließlich darstelle. Auch in der Schweiz und in Deutschland gibt es unterschiedliche Ausprägungen, Dialekte, Unterarten des Deutschen.

Wird auf diese Rücksicht genommen? Werden sämtliche Arten des Österreichischen (nicht) nur unter dem Wienerischen subsumiert – wie Deutsch-Österreichisch-Lexika glauben lassen? Und darf ich überhaupt „Dialekt“ schreiben oder stufe ich damit welches Deutsch auch immer zu unrecht herab?

Und wozu das alles?

Das Schöne am jeweiligen Deutsch-Dialekt – das ich nicht als „Umgangssprache“ bezeichne, um niemanden zu beleidigen – ist seine Freiheit, eine ungestörten, natürlichen Entwicklung. Niemand machte ihm bisher Vorschriften. Vom Altwienerischen bis zum Türkischen Vorarlbergerisch kam alles so, wie es kommen musste.
Dass man nun die eigenständigen Ausprägungen unserer gemeinsamen Sprache in Österreich im Schulischen stärker berücksichtigen will, klingt ja recht humanistisch. Es könnte aber zur Beschneidung des sprachlichen Ur-Wildwuchses führen, wenn z.B. Volkschulkinder ihren Großeltern erklären, dass sie „Hawara“ falsch geschrieben oder „Lavour“ falsch ausgesprochen haben.

Wenn, dann richtig... ist auch nur Diktatur

Es könnte dazu führen, dass in sämtlichen Bundesländern bzw. Dialekt-Regionen (in Tirol wäre jedes Tal eine eigene Region) nur noch das Schönbrunn-Wienerisch drübergestülpt würde.
Denn wenn man es machen will, müsste man es richtig machen. Ansonsten hätte es kaum Effekt, nur Mehraufwand für die Lehrkräfte. Wenn es aber richtig durchgeführt würde, wäre es vermutlich auch nicht besser, als die Duden-Diktatur.


Raz

Vor Kurzem postulierte ich schon, dass David und Raz S., denen die gemeinsame Rückreise nach Deutschland von den dortigen Insassen der Bürokratie verunmöglicht wurde, einfach hier bleiben dürfen sollten. Offenbar teilte die NSA dies umgehend den Österreichischen Kolleg_innen mit.
Mein Facebook-Eintrag landete bei der Wiener MA35. Der zwölfjährige Raz S. Bekommt nun eine „Aufenthaltscard“. Sprich: Es wird rudimentär anerkannt, dass er ein Mensch und dass er hier ist.

http://derstandard.at/2000002555964/Deutscher-Passstreit-Bub-erhaelt-oesterreichische-Aufenthaltscard

Ein Aufenthalt ersetzt kein Daheimsein

Ich bin natürlich nicht ganz zufrieden. Mir schwebte nämlich eine Einbürgerung von Vater und Sohn vor (die Spionage hörte nicht genau zu und die heimischen Behörden machten wieder einmal einen Kompromiss). Schließlich machte Ersterer aus der Not eine Tugend und arbeitet nun in Österreich. Während Zweiterer genau jenen Nachwuchs darstellt, der uns in unserer überalternden Gesellschaft fehlt.

Die Kinderwelt in Kürze

Ich erkläre das noch einmal raz-fatz: Weltweit gibt es zu viele Menschen auf diesem Planeten und es werden immer mehr. Nur in den wohlhabenen Demokratien sinkt die Bevölkerungszahl bzw. würde ohne Immigration drastisch sinken. Zugleich gibt es in ärmeren Ländern viel zu viele Kinder ohne Eltern. Die Logik erklärt das Übrige.

Menschen und Kinder zweiter Klasse?

Eine Entschädigung von Seiten Deutschlands wäre auch nicht schlecht. Immerhin musste sich David S. von seinen Behörden ordentlich papierln lassen. Sein Stress wurde damit belohnt, dass die Schreibtischneurotiker_innen höchst-offiziell bezweifeln, dass sein Sohn sein Sohn wäre. Denn Raz wurde von David adoptiert.
Dadurch wird nicht nur ein unbescholtenes Kind aufgrund seiner gambischen Herkunft diskriminiert, sondern stellvertretend sämtliche Adoptivkinder vom Deutschen Beamtenstaat degradiert: Menschen und Kinder zweiter Klasse.

Wir Nichtbiologischen haben auch Recht

Als „nichtbiologischer“ Vater meines Kindes weiß ich, dass die genetische Verwandtschaft für die elterliche Liebe keine Rolle spielt. Und hat man daran irgendwann gedacht, was man einem Zwölfjährigen antut, wenn man ihm plötzlich mitteilt, dass er eigentlich heimat- und womöglich sogar vaterlos wäre? Wenn das Deutsches und Europäisches Recht sein soll, dann sollen Deutschland und Europa scheißen gehen – wie man in der neuen Beinahe-Heimat der Familie S. zu sagen pflegt.